Von Herkules gegründet sei die Stadt der Legende nach und Pontius Pilatus in Sevilla geboren, erzählt der Reiseleiter auf der Fahrt vom Flughafen ins Zentrum, »nach den 700 Jahren maurischer Herrschaft segelten Kolumbus und Magellan von hier aus um die Welt«, fährt er fort, »und jetzt«, raunt einer dazwischen, »darf sie endlich Alemannia Aachen empfangen«. Der Glockenturm Giralda sei unbedingt zu besuchen, sagt der Reiseleiter, und die Altstadt »mit ihren vielen schönen Schmiedeeisen-Arbeiten. »Sicher so stahlhart wie unsere Abwehr«, murmelt jemand. Fans beim Sightseeing auf der Plaza de Espana

Donnerstag, 4. November. 150 schwarz-gelb gewandete und beschalte Fans des Zweitligisten Alemannia Aachen haben sich zum 24-Stunden-Trip aufgemacht: Morgens um sechs Uhr per Bus nach Brüssel, weiter im Virgin Express Alemannia Shuttle nach Sevilla, einen Nachmittag Freizeit, abends Uefa-Cup-Gruppenspiel beim spanischen Tabellendritten FC Sevilla, Rückflug noch in der Nacht, Ankunft in Aachen wieder um sechs Uhr. Komplettpreis exklusive Bier: 339 Euro. Im Flughafenterminal der Carmen-Stadt war es erstmals laut geworden: »Hurra, hurra; die Aachner, die sind da!«

In kleinen Grüppchen schwärmen sie aus zur Stadtbesichtigung. Ein Aachener Schmuckhändler will sich mit seinem Angestellten (»ich habe ihm die Reise als Sondergratifikation spendiert«) vor allem die Altstadt angucken. Ein Unternehmensberater mit Gattin freut sich auf die Tapas. Ein Fan, mit Sohn angereist, versteht die vielen einheitlich schwarz-gelben Pferdekutschen der Stadt sofort als Begrüßungsgeste: »Wir haben einem Fahrer unsere Schals gezeigt und uns bedankt.« Komisch: »Dem war das vorher gar nicht aufgefallen.«

Eine Fangemeinde ist im Prinzip diszipliniert und heterogen. Handwerker und Studenten sind dabei, ein Bankangestellter, ein Pfarrer, ein Gastronomenpaar (Frittenbude) und ein Zeitsoldat, dessen laute Stimme als Einpeitscher im Stadion besonders geschätzt wird. Ein Spanienroutinier sagt: »Freunde, eimerweise Sangria is nich, wir müssen heute Abend noch arbeiten.«

Sicher, die erste volle Bierflasche war schon morgens um halb sieben schäumend in den Gang des Charterbusses gefallen, im Flugzeug hatte eine Vierergruppe kurz den alten Karnevalsschlager Sie will ja nach Sevilla angestimmt, und der Bordchef musste zweimal sehr unhöflich und laut auf den grundsätzlichen Charakter eines Nichtraucherfluges hinweisen - »auch in den Toiletten strictly forbidden!«.

Fanreisen sind so etwas wie Basic Travel, Welterkundung in besonders komprimierter Form. Klar will man das südspanische Juwel zumindest etwas begucken. »Aber je später es wird«, sagt Grafik-Designer Wolfram in die Abenddämmerung am träge dahinplätschernden Guadalquivir, »desto schwerer fällt die Konzentration. Man denkt immer mehr nur ans Spiel.« Vor der Kneipe nebenan hat sich die erste Gruppe zum Einsingen zusammengefunden. Noch mal zehn große Bier, señor!

LigaTravel hat diese Tour organisiert. Das Reisebüro der 36 deutschen Proficlubs mit Sitz in Frankfurt am Main bedient seit 2002 einen wachsenden Nischenmarkt. Bei rund 15 Spielen mit bis zu zehn Sondermaschinen habe es »noch nie irgendwelchen nennenswerten Ärger gegeben«, versichert Büroleiter Ralf Schaar. Fans seien »wirklich ein sehr pflegeleichtes Kundenpotenzial«. Ob es an Bord Alkohol gebe, obliege den Fluggesellschaften, und auch, ob sie »besonders robustes Personal einsetzen«.