Sanjaya Baru weiß nicht, welchen Telefonanruf er zuerst beantworten soll. Unablässig schrillen die Apparate – auf seinem Schreibtisch, neben dem Besuchersofa, in seiner Jackentasche. „No, the Primeminister isn’t going to Arafat’s funeral”, brüllt der Medienberater des indischen Regierungschefs in die Hörer. „Nein, der Ministerpräsident fährt nicht zu Arafats Beerdigung. Der Außenminister wird ihn vertreten.“ „Warum nicht?“, fragen Journalisten, Mitarbeiter, Kabinettskollegen atemlos. „Aus Sicherheitsgründen? Hat Manmohan Singh Angst vor einem Anschlag? Oder gibt es einen tieferen Sinn? Ist Jassir Arafat, sind die Palästinenser Indiens Politikern egal?“

„Nichts von alledem, Mr. Singh hat Termine. Our Foreign Minister is an honorable, respected Person, ein würdiger Vertreter Indiens“, antwortet Sanjaya Baru jedes Mal stakkatohaft und legt danach sofort auf. Bloß keine Diskussionen. „Haben die Leute keine anderen Sorgen?“

Arafat ist tot, und der indische Subkontinent lässt sich bei den Beerdigungsfeierlichkeiten nur durch den Außenminister vertreten – das wäre früher undenkbar gewesen. Indira Gandhi, raunen einige, würde sich im Grabe umdrehen. Die legendäre Premierministerin der 60er-, 70er- und 80er-Jahre pflegte zeitweilig enge Kontakte zum PLO-Chef und bot ihm im Bündnis der blockfreien Staaten eine politische Bühne. Aber das war einmal. „Früher ist früher und heute ist heute“, sagt Baru.

In diesem Satz steckt alles, was Außenpolitik-Experten in Neu Delhi als den „neuen indischen Pragmatismus“ bezeichnen. In rasantem Tempo haben sich die Regierungen in den vergangenen fünfzehn Jahren von alten Überzeugungen, Gewissheiten und Ideologien getrennt.

Bis zum Fall der Mauer war die Sowjetunion der Verbündete Nummer eins, war Amerika verhasst, China der Feind und Europa ein Vasall der USA. Doch im November 2004 ist alles umgekehrt: Russland zählt allenfalls noch als Waffenverkäufer und Lieferant von Energie. China hingegen, mit dem einst Krieg geführt wurde, ist nach Europa und den Vereinigten Staaten zum drittgrößten Handelspartner emporgeschnellt. Indiens Wirtschaft feiert offen den Wahlsieg von George Bush und hofft auf gute Geschäfte. Und Europa schätzt man als politisches Gegengewicht zum übermächtigen Amerika. Vor allem Deutschland, in dem man in den langen Jahren des Kalten Krieges nur einen Satelliten Washingtons sah, erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Man hofft auf wachsende Investitionen und möchte gemeinsam mit Berlin zur Vetomacht im UN-Sicherheitsrat aufsteigen.

Zum „neuen indischen Pragmatismus“ gehört, sich nicht festzulegen, das Spiel offen zu halten, die Steine auf dem Brett je nach Lage und Interesse hin und her zu schieben. Deshalb schert sich Neu Delhi schon seit geraumer Zeit nicht mehr um die palästinensische Sache. Natürlich, müsste man sich irgendwie offiziell äußern, dann würde man selbstverständlich nach wie vor die Einhaltung der UN-Resolutionen und die Schaffung eines selbstständigen palästinensischen Staates im Gazastreifen und im Westjordanland fordern. Aber es gibt Wichtigeres. Und die Beziehungen zu Jerusalem und Tel Aviv sind derzeit wichtiger.

Israel liefert im großen Umfang Waffen und berät beim Zaunbau in Kaschmir. Ein etwa drei Meter hoher dreifacher Metallzaun, bestückt mit Natodraht, Bewegungsmeldern und Infrarotkameras, soll verhindern, dass islamische Terroristen aus dem pakistanischen in den von Indien besetzten Teil Kaschmirs eindringen. „You know“, sagt Mr. Baru, “idealism is a nice thing. - Idealismus ist schön und gut. Aber damit kann man sich nichts kaufen. Die Welt ist anders geworden, und wir sind Realisten. Arafat was yesterday. – Arafat, das war gestern.“