Auf den späten Fotografien blickt uns ein greiser Eremit entgegen: mit priesterlich gütigem Blick und einem enormen, bis auf die Brust wallenden Bart. Es könnten Bilder jenes Einsiedlers sein, um den die wundervolle Sinfonische Dichtung Le Docteur Fabricius kreist, die Charles Koechlin während des Zweiten Weltkriegs nach der gleichnamigen Novelle seines Onkels, des Philosophen Charles Dollfus, komponierte. So wie sich am Schluss dieser Novelle die Figur des Doktor Fabricius in eine Fantasiegestalt, die nur in den Träumen des Erzählers existiert, aufzulösen scheint, könnte man auch Koechlin selbst für eine Erscheinung halten, die nur in den Köpfen einiger Schüler und Jünger umhergeistert, für den Musikbetrieb jedoch bis heute seltsam abwesend und gestaltlos geblieben ist. Von seinen mehr als zweihundert Werken ist ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod nur ein Bruchteil bekannt. Und noch das Sterbedatum, der 31. Dezember 1950, besitzt Symbolcharakter: In der ersten Jahrhunderthälfte fand nur der profunde Theoretiker Koechlin breitere Anerkennung. Nach dem Krieg musste die Generation eines Pierre Boulez ihn als hoffnungslosen Romantiker empfinden: Koechlin war zeitlebens vom unendlichen Sternenhimmel fasziniert und hätte gerne Astronomie studiert. Rudyard Kiplings Dschungelbuch inspirierte ihn zu seinen größten Orchesterwerken. In seinem großen Zyklus Les Heures Persanes unternahm er eine nur in der Fantasie vollzogene Reise in ein fernes Land voller exotischer Bilder, Düfte und Klänge. Nur Koechlins Schüler Darius Milhaud sprach von der "Musik eines Zauberers", der "der Generation nach mir selbst angehören könnte". Heinz Holliger, selbst einer der wichtigen Gegenwartskomponisten, nannte Koechlin einen "Klangalchimisten".

Bis heute ist Koechlin ein Geheimtipp geblieben, was man so recht nicht verstehen mag. Seine Orchesterwerke, vor allem der mit differenzierter Instrumentationskunst hingezauberte Klang, entwickeln auf Anhieb eine unwiderstehliche Sogkraft. Was der Alchimist in seinem Docteur Fabricius an faszinierenden Klangschichtungen, an feinsten Abstufungen und verschmelzenden, mit dem Ondes Martenot angereicherten Farben erzielt, vermag mühelos neben Ravel, Debussy oder Messiaen zu bestehen. Der Komponist und Dirigent Heinz Holliger hat das Stück jetzt auf seiner zweiten Koechlin-CD mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart in einer echten Pioniertat erstmals überhaupt eingespielt. Der zentrale Abschnitt Le Ciel étoilé könnte in seiner ruhigen Magie einem Blinden die Weite und Schönheit des bestirnten Himmels vermitteln, ganz ähnlich wie das 1939 vollendete Nocturne Vers la Voute étoilé ( Im Anblick des Sternenuniversums ). Koechlin sprach von einer "Reise in sehr ferne Bereiche, weit von der Erde". Tatsächlich handelt es sich um eine gelegentlich an Mahler erinnernde zwölfminütige Studie in reiner Klangschönheit, die nie die Grenze zum Kitsch überschreitet. Im Docteur Fabricius hingegen kommt manches auch unvermittelt gewaltsam, in greller Polytonalität, bisweilen gar atonal daher, um sich auf einem brucknerschen Höhepunkt fast naiv und doch überwältigend in den Choral Aus tiefer Noth zu retten und schließlich wieder ins choralartig Monodische aufzulösen.

Koechlins Begeisterung für den Film, der er explizit in seiner sieben Filmgrößen - von Lilian Harvey über Marlene Dietrich zu Charlie Chaplin - gewidmeten Seven Stars Symphony ein Denkmal setzte, scheint als Folie immer wieder in seinen Orchesterwerken durch und ermöglicht auch einen unmittelbar emotionalen Zugang. Was hätte dieser Mann für Filmmusik komponieren können, würde diese anderen Gesetzen folgen. Koechlins Musik macht süchtig. Heinz Holliger, mehr davon!

Charles Koechlin: Le Docteur Fabricius op. 202; Vers la Voute étoilé op. 129 (hänssler classic 93.106), La course de printemps op. 95; Le buisson ardent op. 203 & 171 (hänssler classic 93.045); Radio-Sinfonieorchester Stuttgart: Heinz Holliger