Man könnte es schöpferische Hyperventilation nennen. Oder die künstlerische Unterseite vom Mantra des lebenslangen Lernens. Vielleicht handelt es sich auch nur um die zeitgemäße Umsetzung des alten Do-ityourself-Credos aus Punktagen: Mach es nicht nur selbst, mach vor allem alles. Das Tätigkeitenprofil der beiden Münchner Mathias Modica und Jonas Imbery, die unter dem Namen Munk gerade ihr Debütalbum Aperativo herausgebracht haben, liest sich wie die Anlage zu einem Bewerbungsschreiben für den Preis der kreativen Wir-AG der Woche.

Sie sind Musiker, arbeiten aber auch als DJs. Sie organisieren Partys, haben aber mit Gomma auch ein Plattenlabel. Dort lassen sie nicht nur ihre eigene Musik und die befreundeter Künstler erscheinen, auch Compilations mit lange vergessener Musik aus den frühen Achtzigern stellen sie hier zusammen. In einigen Monaten soll ein Buch herauskommen, das das Artwork ihres bisherigen Schaffens präsentiert und auch die Gomma-T-Shirts präsentieren dürfte, die exklusiv in gut einem Dutzend Boutiquen rund um den Globus verkauft werden. Die zweite Ausgabe von Imberys und Modicas Zeitschrift Amore schließlich wird als Dreingabe zu Aperativo erscheinen.

Die Idee hinter diesem beeindruckenden Kreativitätsportfolio ist so einfach wie bestechend: Lass uns die Musik ähnlich flexibilisieren wie unser Künstlermodell. Vorbei die Zeiten, als man auf einen Stil festgelegt war oder wenigstens ein Lager: Rockschaffende gegen Plattenaufleger, Instrumentalisten gegen Sampling-Artisten. Bei Modica und Imbery fallen auch diese letzten Grenzen. Und sie sind nicht die Einzigen. Ob man an das LCD Soundsystem aus New York denkt oder die belgische Band Soulwax: Eine ganze Reihe von Musikern ist gerade dabei, den Generationenvertrag aufzukündigen, der die Popmusik in den frühen Neunzigern noch so übersichtlich teilte.

Mehr als zehn Jahre lang sonnte sich die elektronische Tanzmusik im Glanz ihres scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs. Doch so lebendig die Tanzflächen noch immer sind: Die Vorstellung von Fortschritt, die sich damit verband, keine Instrumente mehr zu benötigen, sondern mit Maschinen Musik zu machen, hat einiges an Anziehungskraft eingebüßt - nicht zuletzt, weil jede Maschine, wenn man sie nur lang genug benutzt, eben auch zum Instrument wird. Dass sich nun ein ganzes Netzwerk von Musikern aufmacht, den Unterschied zwischen Band und DJ einzuebnen, ist aber auch eine Folge der DJ-Kultur selbst: Vor der Nadel sind alle Platten gleich. Warum also keine Rockmusik auflegen? Zumal ein solcher Eklektizismus den Vorteil hat, Zugriff auf die lange Geschichte der Selbstdarstellungsformen des Pop zu bieten. Etwas, woran es der Technokultur, ein paar Star-DJs zum Trotz, immer mangelte.

Dass die Musik dazu nicht rund läuft, liegt in der Natur der Sache. Ein typisches Munk-Stück kann sich selten entscheiden, ob es nun ein Song sein möchte oder doch lieber ein Track. Unvermittelt geht ein psychedelischer Gitarrenlauf in das Stampfen einer leicht übersteuerten Disco-Bassdrum über, oder eine verzerrte Postpunk-Basslinie steht neben einem frühen House-Rhythmus. Zusammengehalten wird dieser stilistische Wildwuchs allein von einem vagen Bezug auf den Sound des New York der frühen Achtziger - vielleicht, weil sich auch damals schon DJs und Bands auf der Bühne abwechselten und Punks, HipHopper und Discotänzer auf ein und derselben Tanzfläche standen.

Imbery und Modica teilen ihre Vorliebe für den großen Mix der Stile und Vorgehensweisen mit James Murphy, dem Macher des New Yorker Labels DFA. Wenn Murphy für den Munk-Hit Kick Out The Chairs den Refrain singt, erinnert das allerdings kaum an die B-52's, die für den Sound Pate standen, auch nicht an MC 5, deren Kick Out The Jams für den Titel variiert wird. Eher hat man das Gefühl, hier würden die Stühle, zwischen denen man jahrelang gesessen hat, nachhaltig zur Tür herausgetreten.

Murphy - auch so eine hyperaktive Cool-Existenz, die sich ihre Zeit zwischen zahllosen Gastauftritten als Sänger, erfolgreicher Produzententätigkeit und einem Dasein als Plattenlabelmacher aufteilt - geht bei dem Versuch, mit seiner Band LCD Soundsystem die bisher inkompatiblen Rock- und Technoszenen zu vermischen, noch um einiges weiter als Munk. Ihre Stücke lässt er bevorzugt auf DJ-freundlichen Maxi-Singles erscheinen, und gibt er ein Konzert, dann am liebsten in Clubs, wo die DJs ihre erste Platte direkt in das letzte Stück seines Auftritts hineinmixen.