Hätte der durchreisende Radio-DJ Andy Kershaw nicht eines Nachmittags noch etwas Zeit zum Totschlagen übrig gehabt, wäre er beim Herumschlendern nicht in diesem kleinen Plattenladen im Pariser Immigrantenviertel Barbès gelandet, wo er am Grund einer Kiste auf das ausgeblichene Exemplar einer seltsamen LP stieß, hätten die Hände des abgebildeten Mannes ihn nicht vage an die Hände des legendären Bluesmusikers Robert Johnson erinnert, wer weiß, wie es gekommen wäre. Die Welt wüsste womöglich bis heute nichts von Ali Farka Touré, dem Gitarristen und Sänger aus Mali, der 1994 mit Ry Cooder eine Grammy-gekrönte CD namens Talking Timbuktu aufnahm. Freilich sind dies Spekulationen, wie sie nur Menschen aus dem Norden beschäftigen können.

Der Entdeckte selbst hat nie Zweifel daran aufkommen lassen, wo für ihn der Rand der Welt liegt und wo die Mitte: in Niafunke, einem Dorf am Niger, zwei Tagesreisen nördlich von Bamako. Vor dem Besuch der neugierig gewordenen Pioniere aus den reichen Ländern lebte er dort mit seiner weitläufigen Familie und den Tieren, ohne Strom, Telefon oder gar Internet. Jetzt lebt er dort noch immer, mit dem einzigen Unterschied, dass er das Geld aus seinen Plattenverkäufen in Traktoren und Wasserpumpen für die Felder investiert hat. Die vielen Tourneen nach Amerika und Europa, die Sessions mit Wurzelsuchern jeglicher Couleur scheinen ihn in dem Gefühl bestätigt zu haben, alles Besitzenswerte bereits zu besitzen. Es heißt, er verlasse Niafunke nur noch ungern. Wer dem Geheimnis seiner Musik auf den Grund gehen will, muss schon zu ihm kommen.

Mit dem Fluss ist sie verglichen worden, an dem Ali aufgewachsen ist, aber auch mit seiner Antithese, der Wüste im Norden. Flüchtig wie die Dünenkämme der Sahara sollte sie sein und zugleich verwurzelt in Afrikas roter Erde. Metaphern, wie die Niafunke-Reisenden sie bis heute mitführen, müssen es richten, wenn die Sprache nicht hinreicht, und wo sie gänzlich versiegt, springen die Kameras ein. Gern zeigen sie einen malerischen Musikbauern unter schattenspendenden Bäumen, die Gitarre im Schoß, auf der er traumverloren einige Akkorde zupft. Lieber noch folgen sie ihm hinaus aufs weite Wasser des Niger, wo die Piroggen vorüberziehen und die Abendsonne über den Wellen glitzert: der Fluss als Traditionsader, dessen Spiegelungen Zeiten und Bilder verschwimmen lassen.

Die zeitlosen Klänge des afrikanischen Hinterlands

Der Blues und der große Strom - sie wenigstens scheinen einen Zugang zum Unzugänglichen zu schaffen. In Martin Scorceses Blues-Dokumentation Feel Like Going Home liegt Mali am Mississippi, und Ali Farka Touré dient als Kronzeuge für die alte These vom schwarzen Atlantik, der die Musiken der Vorväter in die Neue Welt hinübertrug. Noch einmal hat sich ein Kamerateam aufgemacht zu den Quellen, um pünktlich zum vom US-Kongress ausgerufenen Jahr des Blues eine Story nach Hause zu tragen. Ali, wie immer unter seinem Maulbeerbaum sitzend, hat nicht widersprochen, jedoch seine eigene Variante der Geschichte eröffnet: Amerika, auch das schwarze, sei ein Musikdieb, in Mali liege der Ursprung und die Zukunft. Da nickten die Besucher höflich und ein wenig verlegen: So afrozentristisch haben sie sich den afrikanischen Bruder nicht vorgestellt.

Tatsächlich hat die Kunst des großen Solitärs Ali wenig mit den einsamen Gesängen der Entwurzelten gemeinsam, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die Städte des amerikanischen Nordens zogen. Zwar gibt er freimütig zu, in seiner Jugend Aufnahmen von John Lee Hooker gehört zu haben, woraufhin er die traditionelle afrikanische Fidel namens Njarka gegen eine importierte Gitarre mit Stahlsaiten tauschte, doch dass einer um den Verlust seines Babys klagt, gar darüber dem Schnaps verfällt, ist einem muslimischen Patriarchen wie ihm fremd. Auf jener jetzt wiederveröffentlichten frühen Platte, die Andy Kershaw einst hervorzog, ist nachzuhören, wie seine Musik klang, bevor Ry Cooder sie einfühlsam, aber auch ein wenig gefällig für ein weißes Publikum aufbereitete: karg wie ein Skelett, ohne Akkordprogressionen und Tonartwechsel, radikal fremd in ihrer Beschwörung der Geister von Fluss und Savanne. Erhalten konnte sie sich bloß in der Abgeschiedenheit, wo die Sänger einer Tradition dienen, die größer ist als sie selbst.

Auch in Afrika selbst allerdings sind die zeitlosen Klänge des Hinterlands auf dem Rückzug. Derselbe Ali Farka Touré, der in Berlin, Paris und Los Angeles als letzter Authentiker gefeiert wird, gilt in Bamako als rückständige Figur aus der Provinz, verwoben in šberlieferungen, die die Jungen nur noch Vom Hörensagen kennen. HipHop ist die Musik der Jugend, mit der sie Anschluss ans globalisierte Zeitalter sucht. Eine letzte CD immerhin hat der Blues-Bauer aus Niafunke angekündigt, irgendwann im kommenden Jahr soll sie erscheinen. Im Geiste sitzt die Weltmusikgemeinde bereits auf gepackten Koffern. Wer heute die Langsamkeit sucht, muss sich beeilen.