Bei Tommi ist immer alles roger, auch wenn gar nichts roger ist in seinem Leben. Er ist der Kleinste mit der größten Klappe, der Klassenclown, der jeden Lehrer und jeden Politiker nachmachen kann, bis alle brüllend unter den Tischen liegen. Er tingelt von Familienfest zu Familienfest, gibt Operettenschnulzen und - weil Heintje gerade in Mode ist - Mama zum Besten, am Ende bleibt kein Auge trocken. šberhaupt würde Tommi am liebsten von morgens bis abends singen, zu Hause, vor dem Postboten, im Restaurant. Wenn die anderen Jungs aber Fußball spielen, dann darf er höchstens mal im Tor stehen. Und wenn sie mit Mädchen gehen, dann hat er den "Blues" und ist traurig. Und das ist längst der erträglichere, geregeltere, ja sonnigere Teil seiner Jugend.

Der andere spielt sich vorher ab. Im Behinderteninternat zwischen Spastikern, Autisten, Epileptikern und Dementen; im Gipsstreckbett und in mehr oder weniger monströsen Gehhilfen und -gestellen; bei Ärzten und in Krankenhäusern. Der Bass-Bariton Thomas Quasthoff wird am 9. November 1959 im Hildesheimer Bernwardskrankenhaus als eines von bundesweit etwa 12.000 Contergan-Kindern geboren, und natürlich ist seine Behinderung mit ein Grund dafür, dass er sich nun, mit knapp 45, herausgefordert fühlte, unter dem durchaus vielsagenden Titel Die Stimme seine Autobiografie zu schreiben. Denn was hätte ein Sänger seines Formats, der sich als einer der ganz wenigen auf dem bröckelnden CD-Markt zu behaupten weiß und einen Grammy nach dem anderen abräumt, schon zu erzählen, außer dass die Oper ruft, die Säle bersten und der Rubel rollt?

Gewiss, dies alles kommt bei Quasthoff auch vor, und zwar zur Genüge: Wie es sich mit Abbado verhält und wie mit Simon Rattle, seinem Freund, welche Sorte Zigarren er Hellmuth Rilling von seinen Interkontinentalflügen mitzubringen pflegt, wie reizend der Kollege Ben Heppner ist und wie er sich nach irgendeiner Fernsehgeschichte einmal bis vier Uhr morgens mit Hella von Sinnen in der Paris Bar "festgequatscht" hat ... Ach, und Chinatown natürlich. Und Salzburg zur Festspielzeit. Und die weltweit verschiedenen Publikümer.

Champagner fließt in Strömen

Da Quasthoff weiß, wie sängertypisch und austauschbar das Reihen solcher zwangsläufig nicht ganz uneitlen Anekdoten ist, spickt er sie mit dreierlei: mit langfädigen Werkbetrachtungen (zu Beethovens Fidelio , zu Schuberts Winterreise ), mit Einsprengseln aus der politischen Zeitgeschichte und mit Statements zum Musikgeschäft im Allgemeinen. Letztere wirken pflichtschuldig und bleiben in einer Weise politically correct, dass sie sich von selbst erübrigen.

Geschrieben hat Die Stimme Michael Quasthoff, der Bruder, und wer Thomas Quasthoff ein bisschen kennt, der hört ihn auf diesen 340 Seiten tatsächlich reden, lachen, gestikulieren und parodieren. Das ist eine große Qualität. Denn nicht jeder - wie sich zuletzt bei Christian Thielemann oder Ren‚ Kollo gezeigt hat - bekommt die (Auto-)Biografie, die er "verdient". Das eigentlich Aufschlussreiche an diesem Buch ist nämlich seine Sprache, der Ton, jenes tümlich-gedrechselte, permanent Kapriolen schlagende Deutsch, das im Hause Quasthoff offenbar gepflegt wird. Da "lecken die Tränensäcke", wenn es ums Gerührtsein geht, da "grient" und "gospelt" und "kräht" es in den frühen Versuchen der Musikerzeugung, und die Lehrer leiden unter "schwerster Affekt-Inkontinenz".

Selbst schwarz auf weiß frönt Quasthoff noch seiner Lust am Dialekt, an den Farben des Gesprochenen: vom Kellner in Chinatown ( "vely peppely" ) über die redseligen Omas und Tanten zu Hause in Hildesheim bis hin zu Christine Mielitz' Berliner Kodderschnauze. Der Künstler als Stimmenimitator, der Sänger als wandelndes Pfingstwunder. Bisweilen gestaltet sich das ausgesprochen amüsant, im Grunde aber spannt sich diese Sprache wie eine Amphibienhaut über das zu Sagende. Ihre dralle Munterkeit mag für Quasthoffs beharrlichen Hunger auf Leben und also: auf Normalität stehen ("Ich bin einer von achtzig Millionen behinderten Deutschen. Mir sieht man es nur gleich an"). Fragen aber stellt sie nicht, und lässt sie auch keine zu. Der Champagner fließt in Strömen, im Register der Lebensgefährtinnen wechseln Eva und Nadja aus Limburg und die blonde Claudia - und irgendwie ist immer alles "roger". Der Leser jedenfalls, der Bekenntnisse erwartet hat - nicht voyeuristisch, sondern mitfühlend, anteilnehmend - und einen wie auch immer diskreten Einblick in den Schmerz und in die Abgründe der außerordentlichen Thomas-Quasthoff-Erfolgsstory, sieht sich getäuscht. Sehr viel mehr als ein Motto freilich hat der Künstler auch dem nicht entgegenzusetzen: "Mitleid bekommt man umsonst, Neid muss man sich erarbeiten." Das sitzt. Wasserdicht.