Wie viel multikulturelle Toleranz verträgt die Gesellschaft? Nicht erst der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, von dem sich radikale Muslime in ihrer religiösen Ehre verletzt fühlten, hat die Frage aufgeworfen, wie mit Minderheiten umzugehen ist, denen unsere Kunstfreiheit und Religionsfreiheit, ganz allgemein die Freiheiten der westlichen Lebensart verhasst sind. Auch die Mühsal, die es hierzulande bereitete, den Kölner Hassprediger Kaplan auszuweisen, hat gezeigt, dass sich der liberale Rechtsstaat in einer eigentümlich hilflosen Situation gegenüber seinen Feinden befindet.

Damit kein Missverständnis entsteht: Die Mühsal der Ausweisung ehrt den Rechtsstaat. Es macht nachgerade seinen Kern aus, dass er Rechtsschutz auch denen spendet, die ihn abschaffen wollen. Denn darüber darf es keine Illusion geben: Die Islamisten wollen ihn durch einen Staat nach ihren religiösen Vorstellungen ersetzen. Schon klagen manche Juristen, dass in den Prozessen, mit denen muslimische Eltern die Befreiung ihrer Töchter vom Sportunterricht durchsetzen, Elemente der Scharia, des islamischen Rechts, in unser Rechtssystem eingeschleust werden.

Die Toleranz, mit der wir den Minderheiten teils freudig, teils missvergnügt begegnen, hat offenbar Schwierigkeiten, ihre Grenzen zu finden, und zwar auch dort, wo nach einer Faustregel jede Toleranz enden darf: nämlich bei der Intoleranz der anderen. Wir können den Bau von Moscheen tolerieren, nicht aber, dass in ihnen Hass auf die deutsche Gesellschaft gepredigt wird. Umgekehrt können Muslime fordern, dass sie von christlichen Hasspredigten verschont bleiben, nicht aber, dass wir uns von der Kultur des Spottes verabschieden, der im Rahmen der Kunst erlaubt ist.

Man muss, um die Anpassung der muslimischen Minderheit an unsere Gesellschaft zu fordern, nicht den Begriff der Leitkultur einführen; er ist einesteils zu eng, weil damit auch die türkische Neigung zum Grillen ausgeschlossen werden könnte, andernteils irreführend, weil er suggeriert, dass alle Besonderheit nur kulturelles Brauchtum ist, also etwas, das man leichthin aufgeben kann. Das ist aber gerade für die Religion nicht der Fall. Es geht im Konflikt mit der muslimischen Minderheit überhaupt nicht um Kultur. Es geht um den Staat und darum, was der Bürger in ihm tun oder lassen kann.

Von Friedrich dem Großen, zu dessen Zeit das Prinzip der religiösen Toleranz in Europa allmählich durchgesetzt wurde, stammt der Satz, die Bürger könnten glauben und denken, was sie wollen, solange sie nur gehorchten. So, mit Blick auf den Bürger als Untertan, würde man das heute nicht formulieren. Im Kern bildet der Satz aber noch immer die Grundlage des liberalen, weltanschaulich neutralen Staates. Die Bürger können glauben, denken, reden und ihr Leben gestalten, wie sie wollen, solange sie sich nur an die Regeln des Staates halten. Zu diesen gehört, dass Toleranz auf Gegenseitigkeit beruht. Sie bedeutet nicht nur Hinnahme einer abweichenden Lebensweise, sondern auch Zurücknahme der eigenen. Ein Film wie der van Goghs, der auf die mörderische Intoleranz der Muslime stieß, wäre seinerseits intolerant, wenn er auf eine blasphemische Kränkung zielte, die über den Bezirk der Kunst hinausgriffe.

Das klingt nach einer leicht zu erfüllenden Einschränkung. Tatsächlich ist sie aber für islamische Fundamentalisten, deren Religion auf das öffentliche Leben zielt, nicht leicht zu erfüllen, und sie ist auch für die deutsche Mehrheitsgesellschaft kaum zu erfüllen, wenn der Verzicht auf Kränkung der Muslime beispielsweise den Verzicht auf Nacktbadestrände, Sexshops oder gar den gemeinsamen Unterricht von Jungen und Mädchen bedeuten müsste.