In Flandern wütet der Dschihad. So sieht das jedenfalls Frank Vanhecke, der Chef des Vlaams Blok. Entfesselt habe diesen Heiligen Krieg, erläutert Vanhecke, das "berüchtigte Zentrum für Chancengleichheit und Rassismusbekämpfung" in Belgien. Das höchste Gericht des Landes hatte vergangene Woche Vanheckes Partei und drei ihrer Unterorganisationen wegen Rassismus verurteilt. Geklagt hatte jenes Zentrum, dem jetzt die ganze Wut der "Blokker" um Vanhecke gilt.

Folge des Urteils, das eine Genter Gerichtsentscheidung bestätigt, ist eine Neugründung und Umtaufung des Vlaams Blok in Vlaams Belang. Das Programm wurde geglättet, Politik und Personal bleiben dieselben.

Vanhecke wehrt sich. "Dass das Antirassismusgesetz ein Unding ist, viel zu weit geht und die Freiheit auf Meinungsäußerung und die gesellschaftliche Diskussion untergräbt, wird heute von allen Flamen, die sich nicht von einem blinden Hass gegen den Vlaams Blok führen lassen, anerkannt." Der Brügger EU-Abgeordnete bedauert auch nach dem Urteil nichts, schließlich hätten ihm eine Million Blok-Wähler Recht gegeben.

Tatsächlich war bei den belgischen Regionalwahlen der Vlaams Blok in Flandern zur stärksten Einzelpartei aufgerückt, Stimmanteil 24,1 Prozent. Jeder vierte Flame votierte für Vanheckes Truppe. Binnen zehn Jahren verdoppelten damit die Blokker ihre Wählerschaft, bis weit hinein in die Arbeiterviertel um Gent und vor allem Antwerpen, wo Filip Dewinter, bekanntester Politiker der Partei, mehr als 34 Prozent der Stimmen holte. Für 70 Prozent ihrer Wähler, so eine Umfrage der bürgerlichen Zeitung De Staandard, gaben die Themen Kriminalität und Immigration den Ausschlag, nicht länger für Sozial- oder Christdemokraten zu votieren. Kriminalität und Immigration, in den Parolen der Partei sind das siamesische Zwillinge, untrennbar verbunden. Der Begriff "Immigration" zielt in Flandern immer auf Muslime, Einwanderer aus Nordafrika und der Türkei. Und natürlich deren Kinder, auch wenn sie in Belgien geboren und aufgewachsen sind.

Das Urteil gegen den Vlaams Blok erging am selben 9. November, da in Amsterdam der ermordete Regisseur Theo van Gogh beerdigt wurde. Für Vanhecke hat das eine sehr viel mit dem anderen zu tun. "Prozess ist Mordanschlag", so reißerisch formulierte das auf der Website der Partei der 45-jährige Politiker, der in Stil und Auftritt durch und durch bürgerlich daherkommt. "Am 9. November… wurde entschieden, ob die Meinungen in diesem Land noch frei sind", meinte Vanhecke, "ob die multikulturelle Gesellschaft echte freie Meinungsäußerung erträgt. In den Niederlanden wird diese freie Meinungsäußerung von religiösen und politischen Fanatikern mit Revolvern bedroht. Im eigenen Land bleiben die Waffen vorläufig noch in der Schublade. "

Vanheckes Argumentation folgt einem geläufigen Muster: Seine Partei, die sich den Wählern als "Macht der Machtlosen und Hoffnung der Hoffnungslosen" empfiehlt, sieht sich trotz aller Erfolge als Opfer des "Establishments" in Flandern, Wallonien und natürlich Brüssel. Der Vlaams Blok, so die Logik, werde entrechtet, weil alle anderen Parteien ihm seit 1992 jede Koalition verwehren und um Vanhecke und Dewinter einen Cordon sanitaire gezogen haben, der in der belgischen Politik zum Schlagwort wurde.

Der Politologe Lieven de Winter von der Katholischen Universität Löwen rechnet damit, dass Vlaams Belang mit seinem gereinigten Programm zumindest auf kommunaler Ebene nach den Lokalwahlen 2006 vielerorts salonfähig wird und der Cordon sanitaire reißt. "Wir haben es hier mit einer taktischen Anpassung zu tun", sagt de Winter und verweist darauf, dass das Führungspersonal der Partei seit den Anfängen des Vlaams Blok 1980 dabei ist. Für Lieven de Winter ist "das Programm des Blok heute nicht mehr sehr verschieden von manchen Reden flämischer Liberaler".

Mag die Reaktion der Parteispitzen auf das Urteil vergangene Woche auch noch so wütend gewesen sein, in den Kommentaren der Blokker ist auch eine gewisse Genugtuung zu spüren. Vanhecke etwa rühmt: "Jahrelang waren wir Vorläufer und Wegbereiter. Der Vlaams Blok war die erste Partei, die die Utopie der multikulturellen Gesellschaft bezweifelte und die katastrophale Knutschpolitik hinsichtlich Ausländer kritisierte."