Irgendwo in oder bei Amsterdam, genaueres tut nichts zu Sache, traf sich am vergangenen Samstag ein vertraulicher Kreis, um den Geburtstag einer gemeinsamen Freundin zu feiern. An diesem Tag wurde die somalische Holländerin Ayaan Hirsi Ali, geboren am 13. November 1969 in Mogadischu, 35 Jahre alt. Und weil die liberale Parlamentarierin seit der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh unter Polizeischutz untergetaucht ist, sollte dies ein Zusammentreffen besonderer Art werden. Ein Moment der Entspannung und des Aufatmens für diese ungewöhnliche Frau, deren öffentliche Kritik am real existierenden Islam in Europa ihr den Hass islamistischer Fanatiker in Europas vermeintlichen Musterland der Toleranz und des Multikulturalismus eingetragen hat. Ein Augenblick der Ruhe im Sturm, der Wärme und der Solidarität.

Fünf Seiten füllten die epischen Verfluchungen und Todesdrohungen, die der Mörder van Goghs an Ayaan Hirsi Ali - und an uns alle - adressiert und am Tatort hinterlassen hatte und die in Anlehnung an den Propheten mit den Worten schlossen: "Ich weiß, Hirsi Ali, dass dein Ende naht! Ich weiß, oh Ungläubige, dass euer aller Ende naht!" Der unglaublich brutale Mord an dem Autor und Regisseur am Morgen des 2. November war der Höhepunkt einer fanatischen Hasskampagne gegen die Abgeordnete, die mit van Gogh gemeinsam einen 11 Minuten langen Film gegen die Unterdrückung der moslemischen Frauen produziert hatte: "Submission. Part One" (die Arbeit an Teil zwei und drei sollte demnächst beginnen). Hirsi Ali hatte den bekannten Künstler und notorischen Provokateur auf die Gefahren des Projekts aufmerksam gemacht, schrieb sie später in einem zornigen Nachruf, aber er habe nur gesagt: "Ich bin der Dorftrottel, mir tun sie nichts. Du aber sei vorsichtig, du bist die Abgefallene".

Sie war vorsichtig, er war es nicht. Anders als die beschützte Ayaan war Theo ein weiches Ziel. Der Mörder, Mohammed Bouyeri, den die holländischen Zeitungen nur Mohammed B. nennen, 26 Jahre alt, Marokkaner mit niederländischem Pass, ging mit der Tat kein großes Risiko ein. Eigentlich war van Gogh ihm ja egal. Gemeint war Hirsi Ali. "Theo starb als Briefkasten", sagt einer, der beide kennt. Den Fatwah-Brief hatte der Schlächter mit einem Messer an der Leiche seines Opfers fixiert. Sein Hass sollte ernst genommen werden und andere anstecken. Er selbst träumte offenbar vom Märtyrertod, verwickelte die Polizei in ein Feuergefecht, die aber schoss ihm, wie profan, nur ins Bein und nahm ihn fest. Seither untersucht man, mit erstaunlichen Ergebnissen, wie weit er mit anderen Terrorzellen - etwa der islamistischen Gruppe, die in den Haag ausgehoben wurde, mit dem arabischen Netzwerk in Spanien - in Kontakt stand. Dass die Abwehr den bereits auffällig gewordenen jungen Mann schon länger beobachtet, die Amsterdamer Polizei aber nicht davon informiert hatte, gehört zu den Absonderlichkeiten dieser Tragödie. Ebenso, dass der Innenminister diese Panne politisch überlebte.

Ernst genommen hat man die Morddrohungen gegen Ayaan Hirsi Ali freilich schon vor dem Anschlag des 2. November. Ayaan Hirsi Ali stand schon seit knapp zwei Jahren unter Personenschutz. Als wir während des niederländischen Wahlkampfs Anfang vergangenen Jahres miteinander sprachen, hatte die junge Frau noch merklich Schwierigkeiten, sich daran zu gewöhnen. "Mein Leben hat sich sehr verändert", sagte sie damals über ihren völlig umgekrempelten Alltag. Begleitung rund um die Uhr, Sicherheitsmaßnahmen vor jedem Auftritt, Vorauskommando, wenn sie Freunde besuchte, weit gehender Verzicht auf jede Spontaneität, kleine Bewegungsfreiheiten nur bei gelegentlichen Auslandsreisen, das war eine neue Erfahrung für sie. Ursache waren ihre ersten kritischen Veröffentlichungen über die Unterdrückung der Frauen innerhalb der islamischen Kultur der Niederlande. Damals noch Mitarbeiterin eines sozialdemokratischen Think-tank, hatte sie damit großes Aufsehen erregt. Prompt gab es erste Drohungen, die als ernst zu nehmen galten. Der Mord an dem Populisten Pim Fortuyn war schließlich noch nicht lange her. Hirsi Ali ging auf Anraten der Behörden mit Hilfe der Sozialdemokraten nach Amerika. Zurück kehrte sie nach einigen Wochen als Liberale. Im Auftrag der VVD hatte eine gewisse Nellie Kroes, heute Mitglied der künftigen EU-Kommission, ihr einen Parlamentssitz und die volle politische Unterstützung der VVD für ihrer Kritik an der "falschen Toleranz gegenüber dem Islam" angeboten. Da konnten die politisch korrekten Sozialdemokraten mit ihren zahlreichen muslimischen Kommunalpolitikern nicht mithalten.

Das pazifische Exil aber war ohne Zweifel erholsam im Vergleich zum derzeitigen Rotations- und Isolierungsprogramm, dem Ayaan Hirsi Ali sich unterziehen muss. Täglich wechselnde Schlafstätten, keine Telefonate, keine E-Mails - eine Kontaktsperre zur Überlebenssicherung. So hat sie sich ihren Kampf um die Rechte der moslemischen Frauen nicht vorgestellt.

Das Corpus delicti, Theos und Ayaans gemeinsamer Film, ist unter Verschluss. So bald wird man das Werk zumindest in den Niederlanden öffentlich nicht mehr zu sehen bekommen. Ungewiss ist, ob Mohammed B. "Submission Part 1" am Abend des 29. August gesehen hat. Oder danach eine private Aufzeichnung, oder wie die meisten, die sich später darüber erregten, nur Ausschnitte in Fernsehmagazinen und Talkshows. Oder lediglich Fotos in Zeitungen. Fest steht, dass er sich über Hirsi Alis Kritik am Islam enorm aufgeregt hat. Denn seit einiger Zeit war Mohammed B., früher ein leidlich integrierter Marokkaner, wie die meisten der Herkunft nach Berber, der besser holländisch als arabisch sprach, auffällig fromm geworden. Er trug jetzt die traditionelle Dschelaba und den Bart des streng Gläubigen. Hirsi Ali war für ihn vor allem eine abgefallene Muslima und daher eine Feindin des Islam. Freunde von Mohammed B., die am vergangenen Wochenende in der niederländischen Zeitung NRC Handelsblad ausführlich zu Wort kamen, erinnern sich an entsprechende Gespräche mit ihm über Hirsi Ali. Über den Krieg des Westens gegen den Islam. Über den Heldentod der neunzehn moslemischen Attentäter des 11. September. Über dem Märtyrerstatus, den man mit der Tötung der Feindin Hirsi Alis erhalten würde. Theo van Gogh fanden sie eigentlich nicht spannend.

An dem Filmprojekt hatte Ayaan Hirsi Ali lange gearbeitet. Die künstlerische Umsetzung besorgte van Gogh. Der Film erzählt von vier Frauen, die sich - in englischer Sprache - direkt an Allah wenden und ihr Leid klagen. Es sind keine realen Fälle sondern archetypische Schicksale, wie sie die Autorin aus ihrer Arbeit als Übersetzerin in holländischen Frauenhäusern zur Genüge kennt. In dem Film wird von einer Frau erzählt, die einen Mann heiraten musste, den sie hasst, von einer zweiten, die von ihrem Onkel vergewaltigt und geschwängert wurde. Die dritte ist ausgepeitscht worden, weil sie mit ihrem Freund geschlafen hat. Die vierte wurde immer wieder von ihrem Mann verprügelt. In ihren Klagen - akustisch untermalt von knallenden Peitschenschlägen und sanfter Musik - werfen die Frauen Allah vor, sie hätten ihm vertraut, er aber habe sie verlassen. Die optische Provokation besteht darin, dass die Frauen unter durchsichtigem Tschador nackt zu sehen sind. Auf der Haut sind Koranverse kalligraphisch aufgetragen.