Wissenschaftler und Umweltschützer waren sich selten so einig wie bei der Schutzbedürftigkeit der Tiefsee - und das ist gut so. Denn unten auf dem Meeresboden, bei vier Grad Kälte und Finsternis, gibt es neben großen Wüstengebieten Zehntausende Inseln voller Leben, deren Artenreichtum wir noch nicht annähernd kennen. Diese Inseln sind meist Unterwasserberge oder heiße Schlote, die insgesamt eine Artenvielfalt beherbergen, vergleichbar mit dem Regenwald. In dieses sensible Ökosystem brechen Tiefseefischer auf der Jagd nach bisher ungenutzten Fischarten ein. Dabei pflügen sie mit Grundschleppnetzen die Böden um. Eine Technik, die ganze Artengemeinschaften aus Kaltwasserkorallen, Schwämmen und Kleintieren zerstört. Sie benötigen Jahrzehnte, um sich zu regenerieren. Das gilt auch für begehrte Tiefseefische wie den Granatbarsch oder den Sägebarsch (Orange roughy). Deshalb fordern mehr als tausend Wissenschaftler aus 69 Nationen und eine große Koalition von Umweltverbänden wie der WWF und Greenpeace schon lange ein Moratorium für die Tiefseefischerei mit Grundschleppnetzen.

Nun zeichnen sich endlich Teilerfolge ab. So hat sich die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York in zähen Verhandlungen auf eine Resolution geeinigt (die Verabschiedung stand zu Redaktionsschluss noch aus). Sie ruft zum Unterlassen zerstörerischer Fischereipraktiken auf, insbesondere mit Grundschleppnetzen in der Tiefsee. Bemerkenswert ist, dass an der Resolution die EU mitgewirkt hat - ihre Mitgliedstaaten betreiben mehr als die Hälfte der Tiefseefischerei, allen voran Spanien.

Wie aus diplomatischen Kreisen zu erfahren war, haben sich insbesondere Spanien und Frankreich gegen die UN-Resolution und die Vorgaben aus Brüssel gewehrt. Auf Dauer wird ihr Widerstand jedoch kaum Bestand haben. Denn zu offensichtlich sind die Schäden der Grundschleppnetze in der Tiefsee. Und die dort zu fangende Beute ist bald verschwunden - mangels Nachwuchs. Auch ökonomisch lässt sich der laufende Raubbau nicht rechtfertigen.

Dennoch bleibt offen, ob die UN-Resolution Wirkung zeigt, sie ist leider nicht rechtsverbindlich. Auch wenn sich Frankreich und Spanien zähneknirschend der EU-Fischereipolitik beugen, ist die Tiefsee noch längst nicht gerettet. Denn gut die Hälfte der gefährdeten Gebiete liegt auf hoher See in internationalen Gewässern - und die bleiben weitgehend unreglementiert.

Auch da gibt es erstmalig Bewegung: In der vergangenen Woche beschloss die Nordostatlantische Fischereikommission, der acht Staaten inklusive EU angehören, ein Verbot für Bodenschleppnetze in fünf Gebieten entlang des Mittelatlantischen Rückens. Diese Gebiete nordwestlich von Irland liegen in internationalen Gewässern - eine Premiere in der Geschichte. Vielleicht setzt sich Vernunft doch durch - für die Tiefsee.