An diesem Samstag wird die Kölner City von Zehntausenden gläubigen Muslimen lahm gelegt werden. Dies jedenfalls hat sich Ditib, der größte Dachverband deutscher Moscheevereine, zum Ziel gesetzt.

Sich eine deutsche Innenstadt voller frommer Muslime als Hoffnungszeichen vorzustellen fällt nach dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh vielen schwer. Die Kölner Demo aber ist ein solches Zeichen. Diese Frommen nämlich wollen "für Frieden und gegen Terrorismus" demonstrieren. Der lang ersehnte Aufstand der Anständigen unter den Muslimen in Deutschland kommt in Gang.

Es erweist sich als richtig, dass die deutsche Zivilgesellschaft seit dem 11. September - und abermals nach Madrid und Beslan - den Druck auf die hiesigen Muslime erhöht hat, sich endlich öffentlich zu Demokratie und Rechtsstaat zu bekennen. Lange genug haben sich die islamischen Verbände dagegen gesperrt, den Kampf gegen die Islamisten zu ihrem eigenen zu machen und sich von den Dschihadisten zu distanzieren, die ihre Religion zu einem totalitären Todeskult verzerren. Man glaubte, sich mit Hinweisen auf die friedliche Natur des Islam aus der Affäre ziehen zu können. Die Terroristen hätten mit den "eigentlichen" Lehren des Koran nichts zu tun. Die Kölner Demo markiert das Ende solcher bequemen Ausreden.

Man hätte keinen besseren Zeitpunkt finden können, um gegen die islamistischen Feinde der offenen Gesellschaft auf die Straße zu gehen. Denn die deutsche …ffentlichkeit schaut jetzt mit angstgeweiteten Augen auf die brennenden Kirchen und Moscheen in den Niederlanden. Die Furcht vor "holländischen Verhältnissen" gebiert täglich neue Vorschläge: Predigten in Moscheen sollen nur noch auf Deutsch gehalten werden dürfen, Zwangsehen sollen verboten, ein staatlich kontrollierter islamischer Religionsunterricht eingeführt und Hassprediger kurzerhand ausgewiesen werden.

Wie im Vorgriff auf drohende härtere Tage ist etwas in Bewegung geraten im Einwanderungsland Deutschland: Die Rede vom "Multikulturalismus" und vom "Dialog der Kulturen" trifft auf eine neue Unduldsamkeit. Angesichts der harschen Töne warnt die grüne Parteivorsitzende Claudia Roth schon vor "Panikmache" und vor dem "Generalverdacht" gegenüber Muslimen. Und Hans Christian Ströbele hat sich mit Jürgen Trittin sogleich eine volkspädagogische Maßnahme einfallen lassen: Er will einen muslimischen Feiertag auf Kosten eines christlichen einführen. Doch solche Mahn- und Selbstbestrafungsreflexe wirken heute seltsam unernst, ja frivol. Droht hier, wie in Holland, der Rückschlag des Mobs gegen friedliebende Muslime? Wohl kaum: Die Deutschen haben nach Mölln und Solingen gelernt, sich gegebenenfalls vor die Opfer rassistischer Gewalt zu stellen.

Die Berliner Extremismusexpertin Claudia Dantschke hat bei ihren Umfragen ermittelt, dass gut die Hälfte der hiesigen Muslime "Demokratie und Islam für verschiedene Systeme hält, die zwar punktuell übereinstimmen können, prinzipiell aber unvereinbar sind". Das ist wahrlich Grund zur Sorge, findet Dantschke: "Doch anders als in Holland haben wir in Deutschland mittlerweile eine offene Debatte über diese Defizite. Und diese Debatte zeitigt auch schon erste Ergebnisse wie diese Demo."

Die junge türkischstämmige Elite, die jetzt ihren langen Marsch durch die Institutionen antritt, empfindet die deutsche "Multikulti"-Ideologie schon lange als eine fatale Melange aus Paternalismus, Verharmlosung und Bußritual. Sie ficht heute einen Zweifrontenkampf - gegen notorische Islamversteher und gegen Islamophobe zugleich. Einige ihrer besten Köpfe finden sich interessanterweise in der CDU. Die Berlinerin Emine Demirbüken etwa, bekennende Muslimin, ist eine scharfe Gegnerin des "Gutmenschendiskurses" über den Islam und die Türken: "Da werden zu viele Integrationsdefizite exotisch verklärt." Demirbüken, die auch die Türken für ihren Hang zur Selbstmarginalisierung kritisiert, kandidiert nun für den Bundesvorstand ihrer Partei. Auch Bülent Arslan, der Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Forums in der CDU Nordrhein-Westfalen, ist überzeugt, dass "gerade die CDU als Volkspartei die große integrationspolitische Aufgabe übernehmen kann". Arslan hat soeben einen Gründungsaufruf für eine Türken-Union veröffentlicht, der einen bemerkenswert realistischen Ton pflegt. Er redet die Bildungs- und Arbeitsmarktprobleme der Türken nicht klein und nennt die "kulturelle Distanz" beim Namen. "Dennoch", sagt Arslan, "kann es gerade der CDU wegen des Wertkonservatismus vieler Einwanderer am ehesten gelingen, Christen und Muslimen gemeinsam ein politisches Fundament zu geben."