Tel Aviv

Wütende Anrufer protestierten gegen die Berichte der öffentlichen Rundfunkanstalt. "Warum beschäftigen sich die israelischen Medien ständig mit Arafats Sterben und Tod?", fragten die Zuschauer. Oder auch: "Ist dieser furchtbare Mann, der so viele Israelis auf dem Gewissen hat, etwa ein großer Staatsmann gewesen?"

Die Journalisten aber ließen sich in ihrem Eifer nicht bremsen. Gleich mehrere Fernsehkanäle übertrugen Arafats Beerdigung direkt in israelische Wohnzimmer. Palästinensische und israelische Trauergäste berichteten per Mobiltelefon aus dem Gewühl vor Arafats einstigem Amtssitz. Die Zusammenarbeit der Medien erinnerte an alte Zeiten – als der Friedensprozess in vollem Gang war. Genauso empfand es der israelische Generalstabschef Moshe Ya’alon. Die Sicherheitskooperation, schwärmte er, war "die beste seit langem". Bricht nun eine "neue Ära in Nahost" an? Kehren Israelis und Palästinenser, einmütig lächelnd, an den Verhandlungstisch zurück?

Derlei Erfreuliches erwarten die wenigsten Israelis. Vier Jahre palästinensischen Intifada-Kampfes haben tiefe Spuren hinterlassen, die auch Arafats Ende so schnell nicht verwischen kann. Die Chance, nun zu einem umfassenden Abkommen mit den Palästinensern zu kommen, halten 58 Prozent der Israelis für gering oder nicht vorhanden. Das ist das Ergebnis einer neuen Umfrage des Tami-Steinmetz-Centers für Friedensforschung an der Tel-Aviv-Universität. Zwei Drittel der Befragten denken, die meisten Palästinenser akzeptieren die schlichte Existenz Israels nicht und würden es zerstören wollen, sobald sie nur könnten. Eine solide Mehrheit der Israelis unterstützt Premier Scharons Abzugsplan aus dem Gaza-Streifen und dem nördlichen Teil des Westjordanlandes.

Was aber sind die erkennbaren Hoffnungen und Pläne israelischer Politiker? Drei Gruppen entscheiden mit über Israels Zukunft: Die Regierung Scharon, die Rechte und die Arbeitspartei.

Ariel Scharon: Eine Zeitungskarikatur zeigt den Premier, wie er sich bei seinem Psychoanalytiker verzweifelt über eine plötzliche Leere beklagt. Tatsächlich hatte Jassir Arafat in Scharons bisheriger Politik eine zentrale Rolle gespielt. Die Doktrin hieß: Solange der PLO-Chef die Zügel in der Hand hält, kann es keine diplomatischen Gespräche mit den Palästinensern geben. Stattdessen wurde die Sperranlage im Westjordanland gebaut, stattdessen der Abzug aus Gaza geplant. Kurz vor Arafats Abflug in die Pariser Klinik war die Räumung von Siedlungen in einer historischen Abstimmung in der Knesset beschlossen worden. Bis zum nächsten Sommer soll der Rückzug der Armee sowie die Räumung des Gaza-Streifens abgeschlossen sein. Steht dies nun infrage, nachdem Arafat verschwunden ist?

Nein, behauptet Scharon. Für ihn gibt es keinen Anlass für eine Kurskorrektur, solange sich die Verhältnisse auf palästinensischer Seite nicht geklärt haben. Und das kann noch ein wenig dauern. Nach den palästinensischen Wahlen im Januar wird sich die neue Regierung erst einmal einrichten müssen; die jüngsten Schüsse auf den Ex-Premier Machmud Abbas lassen auf Machtkämpfe schließen; die Frage nach der Rolle der islamistischen Hamas ist offen. Scharon weiß all das und lässt die Tür dennoch einen kleinen Spalt offen: Sollte sich in der Ära nach Arafat eine "ernsthafte Führung" um ein Ende von Terror, Gewalt und Hetze bemühen und dann noch Reformen vorantreiben, sagt er, könne es eine "potenzielle Chance" geben, "verschiedene Maßnahmen mit dieser Führung zu koordinieren und sogar die politischen Verhandlungen wieder aufzunehmen". Im Nationalen Sicherheitsrat, der treibenden Kraft hinter dem Abzugsplan, wird bereits überlegt, wie sich die Räumung mit den Palästinensern in Gesprächen abstimmen lässt.