Andrea will baden. Nicht in der Wanne, im Nil will sie baden, Bikini hat sie dabei. Aber die Krokodile? Im Fluss gibt es keine Krokodile, sagt Andrea, nur weiter oben im Stausee. Andrea kennt sich aus. Sie schätzt die Temperatur auf über 40 Grad; sie sagt, das ist viel für Ende Oktober. Wir befinden uns in Assuan, im Süden Ägyptens. Die schönste Stadt am Nil, sagen Kenner, hier beginnt Afrika, sagen sie, und so fühlt es sich an. Auf Deck des eleganten Segelschiffs, das seit einer Woche unser Zuhause ist, hängen wir in den Korbstühlen und schwitzen im Schatten die Polster nass. Wir sind acht Passagiere, fünf Männer, drei Frauen.

In den vergangenen Tagen sind wir von Luxor aus den Nil heraufgekommen. Die 260 Kilometer bis Assuan sind die übliche Strecke der Nilkreuzfahrer, hier liegen die historischen Baudenkmäler dicht beisammen. Aber unser Zweimastsegler ist unüblich. Der Schiffstyp, Dahabije genannt, war im 18. und 19. Jahrhundert die gepflegteste Art, den Nil zu bereisen, zunächst Vergnügungsboot der ägyptischen Oberschicht, später der Lords und Ladys, Künstler und Schriftsteller aus Europa. Dann kam das Dampfschiff. Dann der Dieselmotor. Heute verkehren 235 Hotelschiffe zwischen Luxor und Assuan, weitere 56 der fünfstöckigen Pötte sind im Bau. 2000 PS, 60 bis 120 Kabinen, Kostümpartys, Wiener Schnitzel und Pool an Bord – Nilreisen sind Massenware.

Den touristisch umgekehrten Weg geht Andrea Diefenbach, Frankfurter Orientreisenspezialistin: Sie hat eine der letzten Dahabijen aufgetan, die stilvoll restaurierte, 170 Jahre alte Dongola. N ull PS. Zwei Segel. Fünf Kabinen. Ful zum Frühstück (das Nationalgericht Bohnenbrei, mit rohen Zwiebeln genossen, wahlweise Käse- und Marmeladebrot). Authentizität, Intimität. Keine Dieselabgase (außer bei Flaute, dann zieht uns ein Schlepper stromaufwärts). Auch der flamboyante ägyptische Dongola- Besitzer ist dabei sowie ein Deutsch sprechender Guide mit Stimmungsschwankungen. Meistens sind wir verträglich, manchmal bissig, in der komfortablen Unausweichlichkeit des Bordlebens. Man sollte sich kennen und mögen für diese spezielle Nilreise zu acht.

Also, was ist mit Baden? Das Wasser ist sauber, Andreas dunkelgrüner Bikini von moderatem Zuschnitt. Trotzdem will sie nicht hier an unserem Ankerplatz schwimmen: zu öffentlich, für eine Frau. Die Dongola liegt ein bisschen flussauf von Assuans Stadtzentrum an vergleichsweise dörflicher Stelle. Luxushotels sind in Sichtweite, aber hier führt vom unbefestigten Ufer eine kurze, steile und staubige Böschung hinauf zu niedrigen gelben Häusern. Esel sind im Schatten angebunden, Hunde und Schafe inspizieren Abfalltüten. Gelegentlich landet ein Fischerkahn, und aus den offenen Fenstern des einzigen größeren Gebäudes in unserer Nähe dringt ein rührend vertrauter, universaler Lärm: Schulkinder lassen kurz Dampf ab beim Stundenwechsel. "Hallo!", rufen sie fröhlich in unsere Richtung – Andrea hat Recht, Bikinis wären hier daneben.

Flussabwärts herrscht der Rummel der Corniche von Assuan. Dort sind viele Dutzend Hotelschiffe zu viert und fünft nebeneinander vertäut. Dort drängeln sich Händler, Kutscher, Schuhputzbuben um die touristischen Hundertschaften, von denen die meisten, solang sie hier ankern, aus ihren Kabinenfenstern nicht den blauen Nil sehen, nicht die grünen Palmen und den gelben Sand, sondern, armlang entfernt, das Hotelschiff nebenan. Die Lobby, immer mittschiffs, ist Durchgangshalle von einem Pott zum andern. Haben wir’s gut, auf der privaten Dongola.

Allerdings, Klimaanlage haben wir nicht. Die Hitze ist brutal. Andrea greift zum Handy und ordert ein Motorboot. Zwischen den vielen felsigen Inseln, die vor dem Bau des Assuan-Damms den gefürchteten ersten Nilkatarakt bildeten, kurven wir hinüber zum westlichen, fast unbebauten Nilufer, wo die Wüste turmhohe Dünen bis ans Wasser schiebt. Toller Badeplatz! Das Wasser ist frisch, die Strömung stärker als gedacht. Wir rennen im Ufersand flussaufwärts, springen ins Wasser und lassen uns abwärts treiben. Wir toben uns aus, dann überrascht uns der Lenker des Motorboots mit Tee (Tschai) und weichem Lounge-Jazz an Bord. Er lächelt nachsichtig. Er heißt Hamid und spricht ein bisschen Englisch. Er ist groß und dunkelbraun, Ende 30. Elegant fällt das hellgraue Männerkleid (Galabija) von seinen eckigen Schultern. Sein überdachtes Boot ist makellos sauber, mit Kissen und Teppichen ausstaffiert. Hamid ist Nubier, einer von Zehntausenden, deren Heimat 1970 nach dem Bau des Assuan-Damms im riesigen, 550 Kilometer langen Stausee untergegangen ist – viele Nubier arbeiten heute im Tourismus.