Die Frage, welche Einstellung die unter der NS-Diktatur lebenden Deutschen zur Judenverfolgung einnahmen, was sie von der "Endlösung" gewusst und wie sie auf Informationen und Gerüchte über den systematischen Massenmord an den Juden Europas reagiert haben, gehört zu den noch ungelösten Problemen der Holocaust-Forschung. Die Lückenhaftigkeit des Quellenmaterials stellte Historiker bisher vor fast unüberwindliche Hindernisse. Eine Änderung dieser Situation verspricht nun die Edition Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten, die insgesamt 3744 Dokumente beziehungsweise Dokumentenauszüge vereinigt: Berichte von Verwaltungs- und Justizbehörden, Dienststellen der NSDAP und ihrer Unterorganisationen, von Polizei, SD und Gestapo.

Der Band enthält, in übersichtlicher Gliederung und überzeugender Auswahl, etwas mehr als ein Fünftel der Dokumente; die vollständige Sammlung ist auf einer CD-ROM dokumentiert. Erschlossen ist das Ganze durch einen umfassenden, äußerst informativen und benutzerfreundlichen wissenschaftlichen Apparat. Das Projekt hat eine lange Vorgeschichte. Die Grundlage legte Otto Dov Kulka, Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem, bereits in den siebziger Jahren. Die Öffnung der ostdeutschen und osteuropäischen Archive Anfang der neunziger Jahre sprengte die Möglichkeiten eines einzelnen Forschers; durch die Kooperation mit dem Mitherausgeber Eberhard Jäckel, dank eines Teams von acht Bearbeitern und mit Unterstützung des Bundesarchivs konnte das Projekt nun als israelisch-deutsches Gemeinschaftsunternehmen erfolgreich abgeschlossen werden.

Die Edition bietet zum einen – immer aus dem Blickwinkel des Regimes – eine Bestandsaufnahme jüdischen Leben im "Dritten Reich" und ergänzt damit in hervorragender Weise jüdische Quellen. Darüber hinaus wird ebenso beeindruckend wie beklemmend die alltägliche Verfolgung der deutschen Juden durch die verschiedenen Organe von Partei und Staat dokumentiert.

Was die Einstellung der deutschen Bevölkerung angeht, so bestätigt die Edition das bislang vorherrschende Bild: Die Verfolgung der Juden war kein Thema, das die Bevölkerung besonders beschäftigte oder gar empörte. Das gilt vor allem für die Kriegszeit und für die Phase der "Endlösung". Glaubt man den Dokumenten, so scheint die überwiegende Reaktion der Deutschen Desinteresse und Schweigen gewesen zu sein.

Aber bedeutet dies, dass eine Mehrheit der Bevölkerung die Verfolgungsmaßnahmen tatsächlich nicht zur Kenntnis nahm, dass sie, ganz mit dem eigenen Überleben beschäftigt, gegenüber dem Schicksal der Juden indifferent war oder mit ihrem Stillschweigen gar ihre Zustimmung zur erbarmungslosen Verfolgung zum Ausdruck bringen wollte? Die Beantwortung dieser Fragen stellt höchste Anforderungen an die Interpretation des Quellenmaterials.

Hierzu ein Beispiel: Als im Oktober 1941 die Deportationen aus Deutschland begannen, geschah dies in vielen Städten buchstäblich unter den Augen der Bevölkerung. Gleichzeitig erreichte die antisemitische Propaganda unter der Parole "Die Juden sind unser Unglück" einen neuen Höhepunkt. Die Verschleppung jüdischer Menschen in Ghettos in Osteuropa wurde jedoch in der Propaganda nicht thematisiert. Goebbels hatte angeordnet, zu diesem Thema im Inland nichts verlauten zu lassen. Die Deportationen fanden somit einerseits in aller Öffentlichkeit statt, während das Regime sie andererseits mit dem Schleier der Geheimhaltung überzog.

Diese Ambivalenz, die entscheidend dazu beitrug, eine wahrhaft unheimliche Atmosphäre herzustellen, spiegelt sich auch in der Berichterstattung zur "Stimmung" wider. Eine Reihe von Berichten lokaler Instanzen registrierte lebhafte, aber durchaus unterschiedliche Reaktionen aus der Bevölkerung: Genugtuung und Zustimmung, aber auch Mitleid und Angst vor negativen Folgen für die eigene Existenz. In den vom SD zusammengestellten Übersichten, den Meldungen aus dem Reich, findet sich jedoch zu den Deportationen kein Wort. Das, was öffentlich nicht thematisiert wurde, fand in der Berichterstattung auf nationaler Ebene einfach nicht statt.

Das Beispiel zeigt, dass die Stimmungsberichte vor allem Bestandteil der Bemühungen des Regimes waren, die "Volksgemeinschaft" propagandistisch "auszurichten" und ein möglichst geschlossenes Meinungsbild herzustellen. Sie waren aber nicht Seismograf im Dienste einer akribischen Meinungsforschung. Die Häufigkeit der Berichte zur "Judenfrage" spiegelte vielmehr vor allem die Intensität der antisemitischen Propaganda wider. Hinzu kommt, dass die Berichterstattung generell durch die Tendenz gekennzeichnet war, abweichende Meinungen als Randerscheinung, als unreflektiertes Gerede uneinsichtiger Minderheiten zu behandeln; solche abweichenden Stimmen wurden vor allem registriert, um mögliche Unruheherde frühzeitig zu lokalisieren und sodann zu eliminieren, und nicht, um oppositionelle Strömungen langfristig zu dokumentieren.