Acht Uhr morgens. Lord Ashdown of Norton-sub-Hamdon tritt aus seiner Residenz. Ein 63-jähriger Herr mit einem wie eine Felswand zerklüfteten Gesicht, seit März 2002 Hoher Repräsentant der UN und Sonderbotschafter der EU in Bosnien. Der in Neu-Delhi geborene Brite, das jedenfalls werfen seine Kritiker ihm vor, schalte und walte hier wie ein Kolonialverwalter des dahingegangenen Empire. Wer sich seinem Diktat nicht füge, müsse das teuer bezahlen. Im vergangenen Sommer enthob er 59 Politiker und Funktionäre der serbischen Teilrepublik Republika Srpska ihrer Ämter. Seine Dekrete gründen sich nicht auf ein demokratisches Mandat der Bosnier, sondern auf eine von den UN eingerichtete Protektoratsvollmacht, die auch Ashdowns Vorgänger großzügig auszulegen pflegten. Und trotzdem schätzen die Bosnier ihren Fürsten.

Die Residenz ist ein schön renoviertes Altstadthaus an der Berglehne über dem Flusstal von Sarajevo. Der 2001 geadelte Patrick Ashdown, ehemals Vorsitzender der britischen Liberalen Partei, überlässt den gepanzerten Dienst-BMW seinem Chauffeur und macht sich zu Fuß auf den Weg. Mit Tempo geht es durch enge Gassen, über einen Markt, verkehrsreiche Straßen und Kreuzungen. Seine zwei fitten jungen Leibwächter haben Mühe, Schritt zu halten. Und ihrer Pflicht nachzukommen, als ein Mann auf den Lord zuläuft und ihm wortreich um den Hals fällt. Ashdown bedeutet ihnen lachend: Schon gut, der hat nur ein Schräubchen locker!

Jedermann scheint mit dem Vizekönig von Bosnien reden zu wollen. Er antwortet in der Landessprache. Er ist hier (wie in England) nur unter seinem Spitznamen Paddy Ashdown bekannt. Unvergessen sind seine jährlichen Besuche während des Krieges, als er sein Leben aufs Spiel setzte und durch den Geheimtunnel unter dem Flughafen in die belagerte Stadt gelangte. Er stammt aus einer Familie von Soldaten. Als junger Mann kommandierte er Sondereinheiten der Royal Army in Borneo und Belfast. Schon 1992, als die internationale Gemeinschaft sich gegen jedes militärische Eingreifen in Bosnien sperrte, plädierte er für eine Intervention.

Jetzt macht er sich für ein Ende der politischen Intervention stark. Seine Amtszeit läuft in einem Jahr aus. Dann, sagt er, sei für Bosnien die Zeit des Neubeginns gekommen. Meine Stellung wird zunehmend zum Hindernis für die Entwicklung des Landes. Die Bosnier sehen mich als Pascha, der all ihre Probleme löst, so wie es früher die türkischen und österreichischen Verwalter taten. Die internationale Gemeinschaft sieht in mir den Garanten dafür, dass hier Standards einkehren, die es oft nicht einmal in etablierten Demokratien gibt. Ich erfülle weder die eine noch die andere Rolle.

Die Bosnier müssten - sagt Ashdown - jetzt selbst Verantwortung übernehmen.

Und die Weltöffentlichkeit müsse akzeptieren, dass es unrealistisch sei, so bald nach dem Krieg, in dem jeder 16. Einwohner starb und über ein Drittel der Bevölkerung flüchtete oder vertrieben wurde, eine Musterdemokratie aufzubauen. Wenn hier alles so läuft wie in Rumänien oder Bulgarien, können wir ganz zufrieden sein. Das hier ist schließlich der Balkan!

Dort, will er damit sagen, gehen die Uhren einfach anders. Jetzt, um zehn Uhr, steht eine Fahrt in die Berge, nach Bjelasnica, auf dem Programm. Dort fanden 1984 die Skirennen der Olympischen Spiele statt. 1992 war Ashdown dabei, als Radovan Karadzics Truppen den Gebirgszug besetzten. Er wollte beiderseits der Front ein Bild der Lage gewinnen. Zwölf Stunden lang, sagt er, sei er Karadzic aufgesessen. Dann habe er ihn durchschaut. 1994, nach dem Abkommen von Washington, räumte die bosnisch-serbische Armee das Gebiet.