Ökonomen sind keine Naturwissenschaftler. Das klingt banal, ist aber bedeutsam: Während sich Physiker oder Biologen über Fakten nicht streiten müssen, sind die Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaftler auch von Werturteilen der Forscher abhängig. Zudem beschäftigen sich Ökonomen mit Menschen - und die können ihr Verhalten ändern. In der Politikberatung wird das zum Problem. Gerne hätten Politiker klare Aussagen oder präzise Zahlen, um zu wissen, was passiert, wenn man ein bestimmtes Stellschräubchen verändert.

So entsteht Frust bei den Forschern, die ihre Argumente nicht einbringen können. Und bei den Politikern entwickelt sich eine Beratungsresistenz. Die Expertise wird verschwendet, Reformen bleiben stecken oder werden erst gar nicht angepackt.

Das Kommunikationsproblem zwischen Ökonomen und Politikern hat aber mehr als eine Ursache: mangelnden Mut der Forscher, fehlende Institutionen und abweichende Zielsetzungen von Politik und Wissenschaft. Das arbeitet ein neuer Sammelband heraus, den der Friedrichshafener Wirtschaftsphilosoph Birger Priddat zusammen mit Theresia Theurl von der Universität Münster herausgegeben hat. Allein schon dass die Diskussion über die Risiken der Politikberatung aus der ökonomischen Zunft selber angeregt wird, ist ein großes Verdienst. Ohne Scheu vor Selbstkritik machen die Ökonomen ihre eigenen Schwächen zum Thema.

Der Finanzwissenschaftler Horst Zimmermann zum Beispiel rät seinen Kollegen, auch dann Werturteile zu fällen, wenn sie sich nicht auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse stützen können. Treffe ein Ökonom nur Aussagen über wirtschaftliche Effizienz, klammere er eine entscheidende Frage der Politik einfach aus: die nach der Verteilungsgerechtigkeit. Die Politik verlange aber auch dort Beratung, wo der Ökonom sich nur noch auf seine Erfahrung und nicht mehr auf ein Modell verlassen kann, schreibt Zimmermann.

Der internationale Vergleich macht deutlich, woran eine effiziente Politikberatung hierzulande scheitert. Anders als etwa in den Niederlanden wechseln in Deutschland kaum Wirtschaftswissenschaftler in die Politik, schreibt Ole Wintermann von der Bertelsmann Stiftung in seinem Beitrag. Das verstärke die Trennung der zwei Welten. Auch fehlten in Deutschland praxisnah forschende Denkfabriken (Think Tanks) wie in den Vereinigten Staaten. Und ob Inhalte von Gutachten umgesetzt werden, verfolge die schwedische Öffentlichkeit viel intensiver als die deutsche. Mehrere Verfasser erinnern an die alte, aber immer noch gültige These der Public Choice, um den gestörten Dialog zu erklären. Anreize von Politikern und Ökonomen laufen auseinander: Geht es dem Politiker um Wiederwahl, erhält der Forscher umso größere Anerkennung, je abstrakter und anwendungsferner er arbeitet.

Es wäre wünschenswert, wenn dieses Buch eine Diskussion über das Kommunikationsproblem anstoßen könnte, das bislang in Deutschland zu wenig beachtet wird. Ob nicht aber Ökonomen genauso beratungsresistent sind wie Politiker, wenn sie einmal selber das Thema sind und nicht die Lösungen zu einem Problem liefern sollen, ist fraglich. Denn nur so konnte das Problem überhaupt entstehen: Wüssten Ökonomen, wie Politiker ticken, und wüssten Politiker, wo die Grenzen der Ökonomen liegen, würden sie nicht aneinander vorbeireden. Doch die Diskussion ist nützlich, denn gerade in Zeiten knapper Kassen kann man auf das Urteil von Knappheitsexperten - und das sind Ökonomen - nicht verzichten.

So verdienstvoll der Sammelband ist, so ärgerlich sind einige Versäumnisse: Ihm fehlt ein Überblicksartikel, der die gesellschaftliche Bedeutung des Problems herausstellt, viele Rechtschreibfehler zeugen von mangelnder Sorgfalt. Und dem Beitrag des Herausgebers Birger Priddat ermangelt es einer nachvollziehbaren These. Seine exotischen und nur halb erklärten Konzepte aus anderen Wissenschaften (Sprachspiel- und Frame-Theorie) verschleiern, was er sagen will: dass wir mehr Think Tanks brauchten, die der Öffentlichkeit komplexe Sachverhalte einfach erklären. Damit zeigt er sich ungewollt als Teil des beschriebenen Problems: Wer als Wissenschaftler anerkannt werden will, muss ungewöhnliche Ansätze liefern, selbst wenn sie das gestellte Problem eher noch komplizierter machen.