Washington

Anfangs wussten die Exegeten der Washingtoner Zeichensprache nicht zu deuten, was sie am Samstagabend erlebten. Da tat Präsident Bush etwas, was er sonst partout vermeidet. Er warf sich in den Smoking und ließ sich zu einem dieser langweiligen Botschaftsempfänge fahren. George Bush gilt nicht als Freund des gesellschaftlichen Lebens. Trotzdem blieb er zwei Stunden lang in der britischen Botschaft. War was? Ja, gewiss! Da verwandelte sich nämlich plötzlich das biedere Diplomaten-Ringelpiez zur Überraschungsfete für Condoleezza Rice. Die Sicherheitsberaterin wurde 50, und der Präsident ergriff das Wort. So warmherzig seine Rede, so überschwänglich sein Lob, dass manchem dämmerte: Hier geht es nicht um Geburtstagsroutine, hier steht eine Beförderung bevor.

Drei Tage später ist es so weit. Am Dienstagmittag wird Rice, Tränen in den Augen, von ihrem Chef als Amerikas neue Außenministerin nominiert. Sie soll Colin Powell nachfolgen. Wie Bush sagt, soll die Welt in Rice "die Stärke, die Würde und die Anständigkeit Amerikas" sehen. Damit wird bei den Neubesetzungen der Kabinettsposten ein Muster erkennbar: Loyalität geht über alles. Der Präsident macht die treuesten seiner Knappen aus dem Weißen Haus zu Ministern. Die innenpolitische Beraterin soll offenbar Bildungsministerin werden, der Rechtsberater Justizminister, die Sicherheitsberaterin Außenministerin. Es ist "die Konzentration aller Macht", wie US News and World Report schreibt.

Im Weißen Haus kommt niemand dem Präsidenten so nah wie Rice. Manchmal ist sie morgens die Erste und abends die Letzte, die ihn sieht. Sie ist Beraterin, Vertraute und Freundin der Familie. Sie fährt mit dem Ehepaar Bush auf die Privatranch, wo sie ein eigenes Gästehäuschen bewohnt. Eine Erhebung auf dem Gelände heißt "Balkan Hill", weil sie dem Präsidenten dort die ethnischen Konflikte Südosteuropas erklärte. Ist grad nichts zu erklären, legt Rice mit Bush Puzzles, oder beide gehen in den Fitnessraum. Sonntags schauen sie gemeinsam Football. Sie beten zusammen. Beiden wird derselbe bitterböse Humor nachgesagt. Nur wenn Rice zur Probe ihres Kammerorchesters geht, verlässt sie Bush stundenweise. Wie sie politisch denkt, lässt sich am besten daran ablesen, wie Bush denkt.

Während der ersten Amtsperiode wurde nur ein einziger Dissens öffentlich. Da sprach sich Bush beim Verfassungsgericht gegen Minderheitenförderung aus. Und Rice, aufgewachsen als Pfarrerstochter im Alabama der Rassentrennung, gab Widerspruch zu Protokoll – fein formuliert, um den Chef nicht zu kränken. Denn sie glaubt, dass "der Präsident meine Ansichten nicht in der Zeitung lesen sollte". Das dürfte im neuen Amt nicht anders werden. Die Berufung bedeutet die Verlängerung von Bushs Macht in die Behörde, in der er sie bislang am wenigsten ausübte: ins Außenministerium.

Es gilt, eine Rebellion im Außenamt niederzuschlagen

Nicht allein eine Neubesetzung steht an. Aus Sicht des Weißen Hauses geht es um die Niederschlagung einer Rebellion. Vor vier Jahren noch brauchte Bush den moderaten Colin Powell, um seinem Programm des "mitfühlenden Konservatismus" Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es hat ihn viel Geduld gekostet (und die besitzt Bush nicht im Übermaß), Powells Streit mit den Falken im Kabinett zu ertragen. Jetzt, wiedergewählt, kann Bush ganz Bush sein. Die Amerikaner bekommen, was sie gewählt haben. Drum hat Bush seinen Powell am Montag nicht gefragt, was der hören wollte: ob er noch ein Weilchen im Amt bleiben wolle. Bush braucht freie Bahn für seine Agenda. Er will nicht ständig behindert sein von Bedenkenträgern. Vier Jahre lang hatten die Falken das Gefühl, das Außenministerium sabotiere den Präsidenten. Drum soll jetzt Blut fließen wie bei der CIA, wo nun die Köpfe all jener rollen, die dem Weißen Haus zuvor Widerworte gaben. Mit CIA und Außenministerium werden die letzten Bastionen der moderaten Internationalisten ausgeräuchert. Nun zählt Linientreue, weshalb das Burgfräulein vom Weißen Haus eine Idealbesetzung ist.

Für die Europäer könnte sich der Wechsel sogar auszahlen. Sie haben zwar niemanden mehr, bei dem sie sich über die Eisenhand im Weißen Haus beschweren können. Stattdessen schauen sie in das strenge Gesicht von "Condi" Rice. Aber dafür besitzt die neue Amtsinhaberin das Ohr des Präsidenten. Was sie sagt, darf als verbindlich gelten. Das steigert die Berechenbarkeit im diplomatischen Verkehr. Die moderierende Kraft amerikanischer Außenpolitik könnten nun die Weltläufte sein, die sich schon in den vergangenen vier Jahren als äußerst widerspenstig erwiesen haben.