Wir ziehen weiter. An einen anderen Ort wie Wilhelm Buschs Tobias Knopp.

Nach Verona, einem neuen Abenteuer entgegen. Doch schon die Fahrt durch Lecco und Bergamo in der Rushhour (ora infernale auf Italienisch), bei der von den Fiats und Lancias wütend um jede Handbreit Straße gekämpft wird, vergoldet die Erinnerung an den zivilisierten Verkehr in der Schweiz. Das wiederholt sich auf der proppenvollen Autobahn, sodass wir ziemlich spät am Hotel Due Torri vorfahren. Ein alter Kasten an der Piazza Sant' Anastasia, von dessen Balkon schon Mussolini monologisiert haben dürfte. Aber so sieht in Italien sowieso jeder zweite Balkon aus.

Auch im Inneren zeigt das Hotel typische Merkmale der italienischen Geschichte wie schwere, dunkle Möbel, schwere, dunkle Vorhänge, vor denen schwere, dunkle Rotweine getrunken werden. Sogar unser Zimmer ist dunkel, da es auf einen engen Lichtschacht führt - die Zimmer zur Piazza sind alle ausgebucht. Da ich das Auto dort nicht parken darf, wie es Hunderte von Italienern tun, muss ich es einem Park-and-pay-Schlaumeier übergeben, der es für 35 Euro pro Tag aus dem Weg räumt. Dann machen wir uns erwartungsvoll auf den Weg durch die enge Altstadt zur Piazza delle Erbe, vor deren Cafés sich alle Quasselstrippen der Stadt niedergelassen haben wie die Stare zur Weinlese in Burgund. Wir wenden uns den ruhigeren Gassen zu, und da ich keine aushängende Speisekarte ungelesen lassen kann, landen wir nach kurzem Spaziergang im richtigen Restaurant, in der Osteria Giulietta e Romeo. Hier gibt es keine Tische vor dem Haus, der Laden ist erbarmungslos hell ausgeleuchtet und voll besetzt. Was mich aber letztlich verlockt, sind die auf der Karte angeführten Spezialitäten wie Pferdefleisch und hausgemachte Spaghetti auf Veroneser Art (mit Rosinen und Sardellen). Dies ist nun schon das fünfte oder sechste Mal, dass ich hausgemachte Spaghetti esse, und ich muss sagen, dass sie alle zu dick, nämlich zu mehlig waren. Auch handgemachte Ravioli sind erst wirklich delikat, wenn ein Asiat sie macht. Das Pferdegulasch ist zart und gut gewürzt, die dazu servierte Polenta überdurchschnittlich. Die Weine kosten um die 25 Euro pro Flasche, und auch wenn der Lärmpegel hier so hoch ist wie auf dem 200 Meter entfernten Marktplatz, glaube ich nicht an das Glück, eine ähnlich sympathische Osteria in der Stadt der großen Liebenden noch einmal zu finden.

Was ein Irrtum ist. Denn wir entdecken so viele gemütliche Kleinrestaurants mit interessanten Speisekarten und Weinkneipen mit einer bunten Klientel, dass ich es hier längere Zeit aushalten könnte. Trotzdem gehe ich am nächsten Mittag kein Risiko ein und bestelle einen Tisch im einzigen Zwei-Sterne-Restaurant Veronas, im Il Desco.

Auf dem kurzen Weg dahin mache ich eine grauenhafte Entdeckung: Im Eingang und im Hof des Hauses, wo Julias Balkon täglich Tausende Touristen anzieht, sind, so weit die Hände reichen, die Mauern mit kleinen Zetteln bedeckt, beschriftet mit infantilen Bekundungen wie I love Italian men bis zu persönlichen Grüßen an einen Lover in Muskogee, Oklahoma. Und all diese Zeugnisse modernen Schwachsinns sind mit Kaugummi an die Wände geklebt, sodass man sich nach Singapur sehnt, wo derartiger Vandalismus mit Gefängnis bestraft wird. Dass die Stadtverwaltung von Verona diesen Ekel duldet, ist ein Skandal.

Nun darf man in keiner italienischen Stadt über den Verfall durch mangelnde Renovierungen klagen. Man käme aus dem Jammern nicht mehr heraus. In Verona sind die Erdgeschosse mit den eleganten Boutiquen ziemlich ansehnlich. Die Stockwerke darüber dokumentieren jedoch eine empörende Gleichgültigkeit gegenüber dem Verfall, für den sich niemand zu schämen scheint.

Im Il Desco erwartet uns eine weitere, diesmal angenehme Überraschung. Das Restaurant ist klein und bunt mit den bunten Merkmalen der Renaissance. Die Kellner tragen schwarze Fliegen, auf den Tischen stehen gute Gläser - das ist noch nicht ungewöhnlich. Doch die Speisen, die uns serviert werden, sind nicht weniger als sensationell. Hier kocht ein Mann namens Elia Rizzo, den ich gern in meiner Nachbarschaft wüsste. Intelligent, erfindungsreich und originell, präsentiert er regionale Gerichte in einer Version, die als schlichte Perfektion nur unzureichend beschrieben ist. Alles ist weit über dem Durchschnitt der modernen Gastronomie. Da werden Thunfischscheiben mit winzigen weißen Bohnen serviert, die mich vergessen lassen, dass ich den modischen Fisch bis zum Überdruss gegessen habe. Vollends überwältigt mich ein Pecorino-Flan neben zarten Schnecken und pochierten Ingwerwürfeln. Aber auch die Ravioli mit Stockfischpaste und, andererseits, die Kalbsschnitzel mit fritiertem Gemüse sind comme il faut! Dazu ein Myrto von Foradori (Sauvignon blanc, Pinot blanc plus Chardonnay) aus Trient, und wir sind uns einig: So gut haben wir lange nicht mehr gegessen (188 Euro für zwei Personen). Dies ist die Adresse, wohin deutsche Küchenchefs ihre Porsches lenken sollten, um sich weiterzubilden, anstatt ihre Zeit mit Show-Kochen zu verplempern.