Die rassistischen Ausschreitungen in Holland haben die meisten Spanier nicht überrascht. Seit den blutigen Anschlägen vom 11. März in Madrid und den danach folgenden rund hundert Festnahmen arabischer Extremisten ist das tiefkatholische Spanien stark aufgewühlt. "Wir halten alles für möglich, obwohl die spanische Gesellschaft bis heute nicht versteht, warum sie plötzlich zur Zielscheibe für islamische Fundamentalisten geworden ist", sagt der Soziologe Alejandro Navas von der Privatuniversität Navarra. "War es immer die baskische Terrorgruppe Eta, die die Spanier in Angst und Schrecken versetzte, so sind es seit dem Frühjahr al-Qaida und ihre marokkanischen Helfer." Seit ihrem Amtsantritt im vergangenen April unternimmt die sozialistische Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero alles, damit die wenigen gewaltbereiten Fundamentalisten unter den rund 500000 in Spanien lebenden Muslimen nicht mehr zum Zuge kommen und potenzielle Terroristen erst gar nicht ins Land gelassen werden. "Wir haben immer noch die höchste Alarmstufe", heißt es aus Regierungskreisen. Erst vor wenigen Wochen hat der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón bei Festnahmen Dokumente beschlagnahmt, nach denen eine radikale Terrorgruppe namens Märtyrer für Marokko Vorbereitungen getroffen hatte, um Anschläge auf ihn, den Nationalen Gerichtshof sowie das Fußballstadion von Real Madrid zu verüben.

Viele Spanier fühlen sich in ihren lang gehegten Vorurteilen gegenüber dem Islam bestätigt, und arabische Wahlspanier spüren verstärkt, dass sich das Klima zwischen Arabern und Spaniern seit dem 11. September 2001 deutlich verschlechtert hat. Als Reaktion auf die wachsende Angst der Muslime in Spanien wurden die offiziellen Moscheen strenger bewacht, die nationale Polizei stellte in den ersten Wochen nach den Anschlägen im März Sonderkräfte zur Verfügung. Vor allem die Moschee an der Stadtautobahn in Madrid, die größte des Landes, ist ein ständiger Brennpunkt, weswegen sie inzwischen völlig abgeriegelt wird und der Eintritt nur noch gegen Vorlage des Personalausweises möglich ist. Stete Quelle latenter Spannungen ist vor allem die Kleinstadt El Ejido in Andalusien, wo viele Marokkaner unter erbärmlichen sozioökonomischen Bedingungen in der Landwirtschaft arbeiten. Das Europäische Bürgerforum und die französische Bauerngewerkschaft haben schon vor Jahren mehrfach auf die schlimmen Zustände vor Ort hingewiesen: Die Ausbeutung der Afrikaner, die dort teilweise nur zwei Euro pro Stunde verdienen und selbst mit Aufenthaltsgenehmigung ohne Vertrag arbeiten, nehme seit 2003 stetig zu. Zwar kämen, so die Untersuchungen, immer mehr Osteuropäer in diese Region, die spanische Polizei kontrolliere und schikaniere aber vor allem die Marokkaner.

Nach Ansicht des seit vielen Jahren in Madrid lebenden palästinensischen Journalisten Majed Dibsi ist es durchaus möglich, dass es innerhalb und außerhalb der rund 200 offiziellen und inoffiziellen Moscheen sowie der kulturellen Islamzentren in Spanien ähnlich gewaltbereite Fanatiker wie den 26-jährigen Marokkaner Mohammed B. gibt, der den holländischen Regisseur van Gogh ermordet hat. "Keiner weiß, ob, wann und auf welche Weise hierzulande die Kritiker des Islams zum Schweigen gebracht werden."

Zum wachsend schlechten Image der Marokkaner, die zusammen mit den Lateinamerikanern die größte Zahl der stetig wachsenden Einwanderer nach Spanien ausmachen, trägt neben der Mittäterschaft radikaler Landsmänner bei zahlreichen Attentaten rund um den Globus auch die hohe Scheidungsrate marokkanisch-spanischer Ehen bei. "Die kulturellen Unterschiede sind zu groß", sagt der Soziologe Navas. Diese Kluft ist nur ein Grund, warum die marokkanische Regierung nun verstärkt an spanische Universitäten gehen will, um über die eigene Kultur aufzuklären und den Immigranten bei der Integration zu helfen. Die wachsende Abneigung gegenüber dem Islam in Spanien hat Navas zufolge auch historische Wurzeln. "Vor allem in Andalusien haben die Menschen Angst vor der Nostalgie einiger Araber und möglichen Versuchen, den Einfluss zurückzugewinnen, den sie im mittelalterlichen Spanien hatten." Selbst Außenminister Miguel Angel Moratinos gab kürzlich zu, dass viele seiner Landsleute mit den arabischen Wurzeln Spaniens ein Problem hätten. "Dabei sollten wir darauf stolz sein, dass wir so viele verschiedene Einflüsse in uns tragen, es prädestiniert uns heute, Vermittler zwischen den Kulturen zu sein."

Die Spannungen zwischen Spanien und Marokko gingen in den vergangenen Jahren so weit, dass das afrikanische Nachbarland kurzzeitig seinen Botschafter aus Madrid abzog. Zwar geht Regierungschef Zapatero seit seinem ersten Tag im Amt auf Schmusekurs mit dem Maghreb. An den Integrationsproblemen der Muslime in Spanien, dem zunehmenden Drogenfluss aus den nordafrikanischen Bergen sowie dem Menschenhandel auf dem Meer konnten aber auch die Sozialisten bisher noch nichts ändern. "Zumindest wissen sie, dass sie Marokko brauchen, das Land ist als afrikanisches Tor nach Europa für die Sicherheit Spaniens essenziell", sagt Mohammed El-Fatah Naciri, Chef des Madrider Büros der Arabischen Liga.