Eman hat aufgehört, ihr Auto selbst zu steuern. "Wenn du einen Autounfall hast, dann ist nicht das Schlimmste, dass du eine hohe Strafe zahlen musst. Das Schlimmste ist, dass sie mich, da ich eine Frau bin, als Entschädigung fordern!" Das kann geschehen, denn seit dem Zusammenbruch des Staates herrschen im Irak die Stammesgesetze.

Eman ist vierzig Jahre alt. Sie hat einen Universitätsabschluss, hat jahrelang im Industrieministerium gearbeitet. Als ihre Kinder erwachsen waren, ging sie zurück an die Universität, um einen Dolmetscherkurs zu besuchen. Jetzt aber ist sie faktisch im Haus eingesperrt, weil sie sich weigert, mit dem Schleier auf die Straßen zu gehen. "Wie lange werde ich so leben müssen?"

Sicherheit für Frauen heißt heute im Irak Schutz vor Gewalt. Mehr als 500 Frauen sind nach Angaben der Organisation Freiheit der Frauen im Irak seit Beginn des Krieges entführt und vergewaltigt worden. Es hat eine Zunahme der häuslichen Gewaltdelikte gegeben, vor allem aber sind die Ehrenverbrechen angestiegen. Das stellt das Verwaltungsbüro des großen Bagdader Leichenschauhauses fest.

Wenn eine Frau in irgendeiner Weise die Familie "entehrt" hat, wird sie von den eigenen Angehörigen ermordet. Das "Ehrendelikt" bleibt ungesühnt, denn der Täter wird nur angeklagt, wenn er sich selbst anzeigt. In diesem Fall beträgt die Höchststrafe drei Jahre. Nicht einmal die gefangenen Frauen aus Abu Ghraib sind verschont worden, ob sie nun missbraucht worden sind oder nicht. Manche haben sich nach ihrer Freilassung das Leben genommen, andere sind ermordet worden. Es ist schwierig, Zahlen zu erhalten. Kaum jemand ist zum Sprechen bereit.

Wie kann man die Frauen schützen, die in ihren eigenen vier Wänden missbraucht werden? Die Organisation Freiheit für Frauen im Irak hat in Bagdad das erste Frauenhaus eingerichtet, um sie vor "Ehrendelikten" zu schützen. Das Frauenhaus befindet sich an einem geheimen Ort. Man weiß nur, dass es aus zwei Zimmern und einer Küche besteht. "Derzeit leben dort acht Frauen", berichtet Hadil Jawad, die mich im Sitz der Organisation im Zentrum Bagdads empfängt. Hadil Jawad hat eine fröhliche Ausstrahlung, was einen kaum glauben lässt, dass sie eine der ersten Bewohnerinnen des Frauenhauses war. Sie wird immer noch von ihrer Familie bedroht. Warum? Weil sie aus Liebe mit einem Mann durchgebrannt war. Sieben Jahre lang lebte sie zuerst in Kurdistan, danach in Iran. Nach dem Sturz Saddams Husseins kam sie in den Irak zurück, weil ihr Partner seine fünf Kinder wieder sehen wollte. Wenn sie das Haus verlässt, hat sie Todesangst, denn sie fürchtet, erkannt zu werden.

Im Sitz der Liga irakischer Frauen, der ältesten irakischen Frauenorganisation, treffe ich Um Nidal, eine der Persönlichkeiten der Organisation. Sie erzählt, dass es der Liga gelungen sei, einen Kredit für einen Computerkurs und einen Nähkurs zu ergattern. "Wir hatten mit einer Fabrik einen Vertrag geschlossen. Sie lieferte uns das Rohmaterial, wir konnten die Ware an sie verkaufen. Wir hatten gerade damit begonnen, als die Fabrik von den Amerikanern bombardiert wurde. Sie befand sich in der Haifa-Straße, wo es immer wieder Zusammenstöße gibt. Jetzt müssen wir von vorn anfangen!"

Es ist gerade Mittag, aber Um Nidal und ihre Gefährtinnen werfen sich ihren schwarzen Schleier um. "Wir müssen jetzt schließen. Aus Sicherheitsgründen."