Ich habe vor einigen Tagen einen Leitartikel in der ZEIT gelesen. In dem Leitartikel stand, dass man im heutigen Europa drei Gruppen gefahrlos und guten Gewissens diskriminieren darf: Jäger, Raucher und Katholiken. Genauer gesagt, strenggläubige Katholiken, nicht etwa so Folklore-Katholiken wie Harald Schmidt, die findet natürlich jeder süß und möchte sie streicheln. Es gibt allerdings noch eine vierte Gruppe: die Alkoholiker.

Ich bin zu 95 Prozent Weintrinker. Harte Sachen trinke ich selten. Ich besitze eine Flasche Wodka, die mir jemand zur Erstkommunion geschenkt hat, sie ist immer noch halb voll. Neulich aber habe ich zum ersten Mal im Leben eine Flasche Doppelkorn gekauft. Ich erinnere mich dunkel daran, dass mein Großvater stets einen Mundvorrat Doppelkorn im Küchenschrank aufbewahrte. Seit jenem frühkindlichen Erlebnis hat Doppelkorn auf meinem irdischen Weg keine nennenswerte Rolle mehr gespielt.

Es war bei Karstadt. Ich sichere da an fast jedem Samstag Arbeitsplätze. Die Verkäuferinnen kennen mich, nicken mir zu. Ich stand in der Schlange, im Einkaufswagen lag oben die Flasche Nordhäuser. Als Erstes habe ich gemerkt, dass die Leute in der Schlange mich anders angesehen haben als üblich. Die Kassiererin hat meine Karstadt-Happy-Digits-Kundenkarte provozierend lange angestarrt, dann hat sie gesagt: "Könnte ich mal Ihren Ausweis sehen?" Dabei kennt sie mich! Das gab es noch nie. Dann sagte sie: "Könnten Sie mal Ihre Tasche hochheben?" Sie wollte wissen, ob unter der Einkaufstasche Diebesgut versteckt ist. Als Nächstes sagte sie: "Dürfte ich mal in Ihre Tasche hineinschauen?" In so einem Moment hat man automatisch ein schlechtes Gewissen. Dann überprüfte sie sorgfältig die Unterschrift auf dem Beleg und das Foto im Ausweis. In ihren Augen stand Folgendes zu lesen: "Ein zerstrubbelter, unrasierter, nicht mehr ganz junger Mann, der am Samstag um elf Uhr morgens Doppelkorn kauft, dürfte wohl kaum auf legale Weise an unsere Karstadt-Happy-Digits-Kundenkarte in der Platinum-Version herangekommen sein."

Die ganze Zeit guckten alle Leute. Ich kam mir vor wie ein Mann, der im Karstadt ein blutendes Eichhörnchen über der Schulter trägt und im Mundwinkel eine Zigarette, während er augenrollend und mit viel Betonung aus dem Alten Testament vorträgt.

Ich hätte der Kassiererin wahrheitsgemäß sagen können: "Ich brauche den Doppelkorn nur deshalb, weil ich mit seiner Hilfe Quittenlikör herstellen möchte, denn ich bin Besitzer eines Quittenbaumes sowie eines Quittenlikör-Rezeptes. Der Likör hat am Ende – nur 16 Prozent Alkohol. Das ist doch gesellschaftlich akzeptabel.

Ich bin kein fundamentalistischer Trinker. Ich respektiere die Rechte der Nichttrinker. Himmel noch mal, ich bin doch nur in etwa dem gleichen aufgeklärten, folkloristischen Maß Trinker, in dem Harald Schmidt Katholik ist." Mutig aber wäre es gewesen, die Flasche noch an der Kasse zu öffnen, sie augenrollend vor allen Leuten auszutrinken, zu rufen: "Freiheit, die ich meine! Voltaire! Rousseau! Killt alle Eichhörnchen!", und dann davonzutorkeln. Stattdessen habe ich still bezahlt und kaufe in Zukunft Spirituosen übers Internet.