Es war eine Premiere, als Heinrich v. Pierer im April 2004 vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York sprach. Als erster deutscher Wirtschaftsvertreter trat der Vorstandsvorsitzende von Siemens vor dem obersten Gremium der Völkergemeinschaft auf - ein Privileg, das sonst Regierungsvertretern und Diplomaten vorbehalten ist. Thema war die Vermeidung internationaler Konflikte. Allein kann die Wirtschaft die Welt nicht verändern, sagte v. Pierer, doch zusammen mit der Politik kann sie einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen Gewalt, Anarchie und Terrorismus leisten und eine Lanze für Kultur, Freiheit und Wohlstand brechen.

Wirtschaftsführer wie v. Pierer verkörpern den neuen Typ des internationalen Managers an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Poltik und Diplomatie.

Konzernlenker wie er realisieren, dass sich für die Wirtschaft aus der Globalisierung neue Möglichkeiten, aber auch eine neue Verantwortung zur aktiven globalen Politikgestaltung ergibt. Der Einfluss der multinationalen Unternehmen auf Politik, Gesellschaft und auf die diplomatischen Beziehungen hat im vergangenen Jahrzehnt klar zugenommen. Wegen ihrer Finanzkraft sind die Multis mächtiger als manche Nationen und so zu einem entscheidenden politischen Faktor geworden. Oft sind Staaten mehr auf die Firmen angewiesen als umgekehrt. Aus einfachen Gründen: Multis arbeiten flexibler und verfügen über beste weltweite Informations- und Beziehungsnetze, ihre ausländischen Büros sind oft größer als die diplomatischen Vertretungen, und in Konflikten oder bei Abwesenheit staatlicher Strukturen können sie mit Expertise und Kontakten weiterhelfen.

Es geht nicht mehr nur darum, Multis zur Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards oder zur Korruptionsbekämpfung zu verpflichten. Es gilt anzuerkennen, dass sie - wie andere nichtstaatliche Organisationen - heute Akteure der entgrenzten internationalen Politik sind. Die auswärtige Politik der Privatpersonen ist Realität.

Das Verhältnis von Wirtschaft und Diplomatie bedarf daher der Neubestimmung.

Dabei geht es um Dialog, aber auch um Kooperationen. Multis können mit ihrer Expertise den Staat unterstützen, etwa im Umweltschutz, in der Entwicklungshilfe oder Verbrechensbekämpfung - diese Aufgaben lassen sich wegen ihres transnationalen Charakters häufig besser in Abstimmung mit nichtstaatlichen Akteuren bewältigen. Denkbar ist auch, dass Konzerne in Regionen ohne staatliche Infrastrukturen Dienstleistungen und Ordnungsaufgaben in Bereichen wie Transport oder Energie übernehmen. Eine Kooperation kann neue gesellschaftliche Kräfte mobilisieren und staatliche Verhandlungspositionen stärken.

Die Diplomatie steht vor einem Paradigmenwechsel. Die Tendenz zur Globalisierung zwingt die klassische interstaatliche Diplomatie zum radikalen Umdenken in Richtung Komplementarität staatlicher und nichtstaatlicher Akteure. Das Auswärtige Amt hat sich früh für eine Zusammenarbeit entschieden. Dabei kommt der Corporate Diplomacy, der gezielten Pflege von Kontakten zwischen Firmen und diplomatischen Vertretern, eine wesentliche Rolle zu. Bereits jetzt werden Hospitanten von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen in der Abteilung für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung des Auswärtigen Amts eingesetzt. Referenten aus der Industrie arbeiten in deutschen Vertretungen im Ausland. Dieser Austausch und die entstehende Kooperationskultur könnte wirtschaftlichen Sachverstand mit außenpolitischer Erfahrung verbinden. Zusätzlich gibt es Veranstaltungen wie die Reihe business meets diplomats. Die Begleitung von Auslandsreisen des Bundeskanzlers durch Konzernchefs erweist sich für beide Seiten als besonders erfolgreich.