Wenn Politiker es in die erste Reihe geschafft haben, schreiben Journalisten manchmal sogar über ihr Schweigen. Horst Seehofer, Ex-Gesundheitsminister und bis heute der Mann der CSU für das Soziale, scheint diesen Zustand so sehr zu genießen, dass er ihn immer wieder provoziert - zuletzt am Anfang dieser Woche. Nachdem Angela Merkel und Edmund Stoiber ihren komplizierten Kompromiss für eine Gesundheitsreform verkündet hatten, tat der zuständige Fachmann Seehofer, was Parteifreunde von ihm schon kennen: Erst schwieg er demonstrativ, dann verschwand er und war für niemanden zu erreichen - und schließlich legte er sich quer.

Der Kompromiss sei so grottenschlecht, dass ich ihn auf keinen Fall vertreten kann, sagte Seehofer. Ungerecht sei das Unionskonzept, gegen die Interessen der kleinen Leute gerichtet und viel zu kompliziert. Selbst der Originalvorschlag der CDU war besser, klagt er, die Merkel hat Stoiber aufs Kreuz gelegt. Erst in letzter Minute, am vergangenen Sonntag, sei er unterrichtet worden - und fühle sich daher nicht gebunden. Parteivize Seehofer ist mit seiner Kritik in der CSU nicht allein. Auch der Arbeitnehmerflügel der Partei hat sich bereits hinter seinen Vorsitzenden Seehofer geschart. Der Kompromiss bedeute die Zertrümmerung von Solidarität und Subsidiarität, klagt sein Stellvertreter Konrad Kobler.

Der Richtungsstreit der Union über Tempo und Umfang künftiger Reformen hatte sich eher zufällig an der Gesundheitsreform entzündet - entschieden ist er noch nicht. Die CSU gibt dabei ein interessantes Beispiel dafür, woran Reformen scheitern können. Normalerweise verweisen Politiker stets auf die potenziellen Verlierer, wenn sie nach Gründen für Widerstände suchen. Doch der Gesundheitsstreit zeigt: Nicht nur die Schwachen, sondern auch die Erfolgsverwöhnten können bremsen. Die CSU jedenfalls, die in Bayern mit Zwei-Drittel-Mehrheit regiert, wollte um jeden Preis Steuersenkungspartei bleiben, vor allem deshalb fiel eine Einigung mit der CDU so schwer.

Dahinter steht eine Erfahrung von vielen Politikern der Stoiber-Generation, wonach die Wähler Steuersenkungen stets stärker honorieren als eine Verringerung der Sozialabgaben. So war es jahrelang in der alten Bonner Republik, doch heute gilt das möglicherweise nicht mehr: Zum einen ist vielen Menschen bewusst, dass hohe Lohnnebenkosten Arbeitsplätze gefährden. Zum anderen wächst die Skepsis, ob die Einzahlung in eine Sozialversicherung überhaupt noch eine Gegenleistung garantiert. Doch die CSU - und dort nicht nur Seehofer, sondern auch Stoiber - will eher Erfolge der Vergangenheit kopieren als Neues probieren. Nicht alles anders, aber vieles besser machen - das alte Schröder-Motto gilt den Bayern als heimliche Überschrift für den Unionswahlkampf des Jahres 2006.

Beim nun beschlossenen Gesundheitskompromiss führte die Härte der CSU zu einem merkwürdigen Ergebnis. Das neue Konzept ist weniger sozial als das ursprüngliche CDU-Modell, sagt der Mannheimer Ökonomieprofessor Eberhard Wille. Auf Drängen der CSU werde nur ein kleiner Teil des Sozialausgleichs durch Steuern finanziert - obwohl im Steuersystem Spitzenverdiener stärker belastet würden als im Beitragssystem. Ausgerechnet die CSU, die sich so gern als Kleine-Leute-Partei präsentiert, verstärke die Ungleichheit (siehe Wirtschaft, Seite 27).

So macht der mühsam ausgehandelte Kompromiss niemandem Freude - nicht der CDU, nicht der CSU und schon gar nicht den potenziellen Wählern. Die mussten erst mitansehen, wie die SPD ein populäres Gesundheitskonzept - die Bürgerversicherung - vorlegte und es dann nicht konkretisierte - nun legt die Union ein Konzept vor, das zwar konkreter ist, dafür aber denkbar unpopulär.

Und die Bilanz des unionsinternen Machtspiels? Merkel hat inhaltlich mehr durchgesetzt als Stoiber, aber sie hat gleichzeitig mehr verloren: Eine bestenfalls halbherzige Zustimmung der CSU hat sie mit viel Sympathieverlusten erkauft. Einzig die Beamtenlobby hat den Kompromiss gelobt. Und Edmund Stoiber geht es nun mit Horst Seehofer ähnlich wie zuvor Angela Merkel mit der CSU: Sein Widersacher kann ihn zwar nicht besiegen - doch um ihn zu beschädigen, reicht die Kraft allemal.