Ein blank geputzter blauer Frühlingshimmel spannt sich über Geraldton, einer adretten Kleinstadt an der Küste Westaustraliens, 450 Kilometer nördlich von Perth. Am St. Georges Beach herrscht Hochbetrieb, Familienväter wuchten Sonnenschirme aus Kombis und Allradautos, Musikanten stimmen Instrumente, Grillwürste rauchen. Auf einem Hügel gehen Leute mit Bierkästen in Stellung und richten ihre Ferngläser aufs Meer.

Sie sehen einen merkwürdigen Festzug. Ein Schleppboot zieht den etwa 65 Meter langen Fischkutter South Tomi an einem Seil aus dem Güterhafen. Er wird umkreist und begleitet von gut 100 Jollen, Segeljachten und Motorbooten sowie zwei Schnellbooten der Hafenmeisterei. Sechs Kilometer vor der Küste hält das Schleppboot, macht die Leine los, der Kutter wirft Anker. Die Boote bilden einen weiten Kreis um die rostige South Tomi, deren Rumpf übersät ist mit quadratischen Löchern. 100 Meter hinter dem Heck laufen Drähte in einem Boot zusammen. Um 14.30 Uhr blitzt und raucht es auf der South Tomi, dann krachen die Sprengladungen – der Kutter sinkt, schnell und gerade. Nach einer Minute verschwindet das letzte Stück des Rumpfes, bejubelt vom zufriedenen Publikum.

Der ungewöhnliche Festakt hat zwei Gründe. Zum einen ist er ein Racheakt, zum anderen soll er den Tourismus ankurbeln: Die South Tomi hatte im März 2001 bei den antarktischen McDonald-Inseln 4000 Kilometer südwestlich von Australiens Küste ohne Lizenz gefischt, das Schiff wurde verfolgt, beschlagnahmt und Geraldton als Tauchwrack geschenkt.

Wenige Küsten sind so einsam und abgelegen wie die Westaustraliens. Noch vor 50 Jahren bedeuteten Schiffe an dieser Küste – zumindest für die weißen Siedler – die einzige Hoffnung auf Nahrung und Geschäfte. Schiffbruch bedeutete Hoffnungslosigkeit. Heute ist es umgekehrt. Denn so schnell, wie Wracks von Fischen und Meerespflanzen als Wohnung angenommen werden, so schnell werden sie auch von Tauchern besucht. Ihnen zuliebe hat Westaustralien zu den 103 Wracks, die ohnehin schon im Wasser liegen, bisher vier Schiffe versenkt: Die South Tomi folgte zwei Zerstörern der Flotte und einem nutzlosen Walfänger auf den Grund.

Damit das Boot ohne Pannen sinkt, hatte Sprengmeister Roy Gabriel 40 Sprengladungen angebracht, 10 unter, 30 über der Wasserlinie. Die Vorbereitungen hatten 18 Monate gedauert. Alles, was mit Diesel oder Öl in Berührung gekommen war, was vorstand oder scharfe Kanten hatte, war zum Schutz von Natur und Tauchern abmontiert worden.

Der ehemalige Marinetaucher Roy Gabriel nennt sich Kunstriffinstallateur. Das Geschäft floriert. 40 Schiffe hat seine Firma, die Canadian Artificial Reef Consultant Incorporated, in 15 Jahren gesprengt, 18 weitere Aufträge aus der ganzen Welt hat Roy Gabriel in der Tasche. Der Grund ist simpel: "Der Schrottwert von so einem Kasten ist vielleicht 75000 Dollar – eine Tauchattraktion ist viel mehr wert…"

Als erstes Tauchwrack der südlichen Hemisphäre wurde 1982 die Cheynes III, ein etwa 45 Meter langer, ausrangierter Walfänger, im King George Sound vor dem Küstenstädtchen Albany, etwa 400 Kilometer südöstlich von Perth, versenkt. 2001 setzte Riffinstallateur Roy Gabriel den 133 Meter langen Rumpf des Zerstörers HMAS Perth ebenfalls hier auf den Grund. Etwa einen Kilometer vor der Küste ragt sein Mast aus dem Wasser.

Garry Welstead, ein Bär von Mann, ist Tauchlehrer in Albany. Auf seinem Aluminiumboot hat er Platz für sechs Taucher. Die sind schon in mehrere Schichten fünf Millimeter dicken Neoprens gepackt, als Welstead an einer Boje festmacht und eine detaillierte Karte der Perth entrollt. Er erklärt die Details: Das Schiff liegt in 36 Meter tiefem Wasser, bietet eine Reihe von Plattformen, Könner dürfen durch das Heck tauchen oder sich in den Kapitänsstuhl auf der Brücke setzen.