Diese Schlüsselszene wird im kollektiven Gedächtnis haften bleiben. Wie Colin Powell am Morgen des 5. Februar 2003 im UN-Sicherheitsrat das Plastikröhrchen, gefüllt mit weißem Pulver, in die Höhe hält: Zwei Teelöffel Anthrax - mehr brauche Saddam Hussein nicht, um ein Inferno auszulösen!

Die ganze Welt schaute an diesem frostklaren Tag nach New York, wo Colin Powell die Beweise für Saddam Husseins heimliche Aufrüstung präsentieren sollte. Wie ein Triumphator zog Powell fünf Minuten vor Sitzungsbeginn in den Saal, haute dem Franzosen de Villepin brüderlich auf die Schulter, umarmte und küsste den Russen Iwanow - es war ein Lachen und Scherzen unter den versammelten Außenministern. Dann kam Colin Powell zur Sache. Und damit begann sein Niedergang.

Im Irak wurde nämlich kein Anthrax gefunden, und auch sonst kein biologisches, chemisches oder atomares Teufelszeug. Sein eigener Geheimdienst hatte Powell vor aller Welt düpiert. Der Minister hatte die falsche Begründung für einen Krieg geliefert, den er nicht wollte, den er nicht verhindern konnte, den er nach außen verteidigte - jeder Zoll der loyale Exgeneral, der bei internen Beratungen heftig widersprach, am Ende jedoch, wenn George W. Bush entschieden hatte, innerlich salutierte und verkündete: Der Präsident hat die richtige Entscheidung getroffen.

Für viele seiner Landsleute verkörperte Colin Powell den amerikanischen Traum. Der Sohn jamaikanischer Einwanderer, geboren in Harlem, aufgewachsen in der South Bronx, machte als Soldat Karriere, stieg bis zum Vier-Sterne-General auf, wurde Sicherheitsberater unter Ronald Reagan und unter George Bush Senior Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs. Hatte er das Zeug, als erster Schwarzer ins Weiße Haus einzuziehen? Bill Clintons Strategen jedenfalls fürchteten 1995 keinen Gegenkandidaten mehr als ihn.

Powell selbst hat wohl mit dem Gedanken gespielt, doch seine Frau Alma legte ihr entschiedenes Veto ein.

Das Vertrauen, das er daheim genoss, brachte auch das Ausland dem Chef des State Department entgegen. Mancher europäische Amtskollege sah in ihm die letzte Stimme der Vernunft unter lauter Ideologen und Scharfmachern. Ein Urteil, das ihn verklärte - und überschätzte. Aus fast allen Konfrontationen mit den Hardlinern ist Powell als Verlierer hervorgegangen.

Sein Glanz begann früh zu verblassen. Powell fühlte sich vom Weißen Haus übergangen, in den Kühlschrank gesteckt. Eine Woche vor dem 11. September 2001 fragte das Nachrichtenmagazin Time in einer kritischen Titelgeschichte: Where Have You Gone, Colin Powell? Damals war wenig zu sehen vom Außenminister, um dessen Gunst George W. Bush, damals noch Gouverneur in Texas, einst mit den Worten geworben hatte: General, Texas meldet sich zum Dienst!