Wer Kaviar ernten will, muss Störe töten. Erst mal rein theoretisch: Gerhard Müller hält eine Hand in die Luft, als wolle er einem Kind über den Kopf streichen. Die Hand ist der Fisch. "Wupp", sagt Müller und dreht die Handfläche nach oben. Der Fisch ist tot. Eingeschläfert. Danach muss alles ganz schnell gehen. Ein Hängekran wird den Stör, 15 bis 20 Kilo schwer, in eine Nachbarhalle bringen. Dort schlitzen Arbeiter den Bauch auf und holen die Eierstöcke heraus. Wie ein Hufeisen liegen sie im Fisch, prall gefüllt mit schwarz-gold-braunen Kügelchen: Kaviar.

Bald ist es so weit. Müllers Firma, die Fischtechnik GmbH aus der Nähe von Göttingen, baut in Demmin die größte Fischzuchtanlage der Welt. Demmin liegt eine Autostunde südlich der Ostsee. Eines Tages sollen hier jährlich 33 Tonnen Kaviar aus den Bäuchen von Störweibchen "geerntet" werden, wie man hier sagt. Müller ist ein kräftiger Mann mit bunten Häschen auf der Krawatte, und wenn er von Fischen redet, kommt er seinen Gesprächspartnern ziemlich nah. Wie ein Fisch im Schwarm. Zu Hause hat er eine Forellenzucht. Und in Demmin haben Arbeiter nach seinen Plänen Ende September die ersten Jungfische eingesetzt. Nach vier bis fünf Jahren sind sie laichreif.

Beauftragt wurde Fischtechnik von der Firma Caviar Creator aus Düsseldorf. Die Rheinländer wollen mit Kaviar das große Geld verdienen. Vor zweieinhalb Jahren wurde das Unternehmen von fünf Deutschen gegründet, im nächsten Jahr sollen die Aktien an der Nasdaq-Börse gehandelt werden. Bei Caviar Creator arbeiten heute gut 160 Mitarbeiter, der Hauptsitz ist in Oregon, Zweigstellen sind in Hongkong, auf Malta und in Fulda, und es gibt eine edle Website, auf der ein Stör zu schwülstigen Akkorden den Globus umrundet.

Gewinne wie im Drogenhandel verheißt das Kaviargeschäft

Und Caviar Creator hat eine Menge Ärger. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf prüft die Aufnahme eines Ermittlungsverfahrens, weil die Firma ihre Investoren mit einer möglicherweise utopischen Rendite von 20 bis 30 Prozent ködert. Ein ehemaliger Geschäftspartner fordert Schadensersatz wegen eines angeblich gebrochenen Vertrags. Das Düsseldorfer Amt für Verbraucherschutz wundert sich, dass Caviar Creator seinen Kaviar von sibirischen Zuchtstören aus Fulda als Edelkaviar vom Osietra-Stör verkauft. Und das Landwirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern prüft in diesen Tagen, ob die versprochenen Fördergelder tatsächlich bewilligt werden können – Caviar Creator hat unvollständige Anträge eingereicht. Die neue Demminer Fischfarm soll in der ersten Ausbaustufe 10 Millionen Euro kosten. 4,6 Millionen davon sind staatliche Fördergelder.

Unternehmenssprecher Kaspar Müller-Bringmann weist die Betrugsvorwürfe als "absurd und grotesk" zurück. Ein Wirrkopf habe eine Strafanzeige aus einem Hotel gefaxt, mit allen möglichen abstrusen Anschuldigungen von Betrug über unerlaubten Waffenbesitz bis zu Mafiakontakten. "Der Fischmarkt ist sehr umkämpft", sagt Müller-Bringmann, "wir glauben, dass das Störfeuer von Wettbewerbern kommt."

Der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern Till Backhaus hielt den Störzüchtern lange Zeit die Treue. Demmin solle zum "Kompetenzzentrum für Aquakultur" avancieren, verkündete er zur Grundsteinlegung im März. Inzwischen gibt man sich im Ministerium reserviert. "Auch wir lesen Zeitung", sagt eine Sprecherin. Es wäre nicht das erste Mal, dass Fischzüchter in Demmin ins Strudeln geraten. Die Hansestadt an der Peene, Arbeitslosenquote 28 Prozent, hat leidvolle Erfahrung mit kommerzieller Fischzucht. Früher wollten ein paar Fischtechniker in Demmin Aale züchten. Das ging schief, weil man dafür Babyaale aus dem Atlantik braucht, und die wurden in den vergangenen Jahren immer teurer. Die Firma meldete Insolvenz an und wurde von Caviar Creator aufgekauft.

Von der Operation "Kaviar fürs Volk" hängt nun einiges ab. "Die Branche guckt gespannt nach Demmin", sagt Birgit Schmidt-Puckhaber, die bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft den Bereich Aquakultur leitet. "Wenn Caviar Creator Erfolg hat, würden sich alle freuen." Nicht nur wegen des Kaviars. Auch die Fischproduktion in geschlossenen Kreisläufen könnte Schule machen. 14 Kilo Fisch verzehrt der Durchschnittsdeutsche pro Jahr, knapp 90 Prozent davon werden importiert. "Unsere Vision ist, dass der in Deutschland verzehrte Fisch auch in Deutschland produziert wird", sagt Schmidt-Puckhaber, die Stör gern mit Rucola und Mozzarella anrichtet. Sollen Deutschlands Bauern nach Windrädern, Raps und Biogas jetzt in die Fischzucht einsteigen? Sie stünden in guter Tradition. Karl der Große ordnete im Jahr 812 an: "Jeder Amtmann soll auf unsern Landgütern Fischweiher halten."