Straßburg

Franco Frattini ist noch Italiens Außenminister. Doch schon von kommender Woche an arbeitet der Römer in Brüssel, als EU-Kommissar fürs Innenressort und die Justiz. Kein leichter Übergang, vom nationalen Egoismus zum europäischen Gemeinwohl. Dem Juristen Frattini indes gelang er in der Anhörung vor dem Europaparlament in Straßburg schier mühelos.

Eine mögliche Erklärung findet sich in seinem offiziellen Lebenslauf. Dort wird gründliche Vertrautheit mit den Bergen und der Geomorphologie der Alpen vermerkt. Also mit Gletscherspalten, Wechten, Schneefeldern. Frattini, der alpine Skilehrer, nahm am Wochenanfang einen tückischen Parcours gleich in zwei Durchläufen vor den Ausschüssen mit Eleganz - konservative Beobachter bescheinigten dem Italiener gar Bravour.

Sind Sie Freimaurer?, knallte die britische Liberale Sarah Baroness Ludford dem Italiener gleich zu Anfang an den Kopf. Eine Schrecksekunde lang lief da ein altbekannter Film im Straßburger Europaparlament an. Homosexualität ist Sünde, hatte vor demselben Fachausschuss vor gut einem Monat der Italiener und erzkonservative Katholik Rocco Buttiglione erklärt. Das war der Anfang vom Ende des ersten Teams, das der portugiesische EU-Kommissionspräsident José Manuel DurÆo Barroso präsentiert hatte. Ende Oktober blieb Barroso nichts anderes übrig, als seine erste Mannschaft in letzter Sekunde vor einer Abstimmungsniederlage zu schützen, indem er sie und sich dem Votum des Parlaments erst gar nicht aussetzte.

So etwas hatte es noch nie in der Geschichte der Europäischen Union gegeben.

Die Regierungen in Rom und in Riga mussten ihre umstrittenen Kommissare ersetzen. Und in Budapest verfolgte man zähneknirschend, wie der eigene Mann im Hearing, übernächtigt und unvorbereitet angetreten, zum Ressortwechsel gezwungen wurde.

Doch diesmal hatte Barroso nicht mehr den sprunghaften Philosophen Buttiglione, sondern den sicheren Politprofi Frattini im Rennen. Und der brachte das ganze Team sicher ins Ziel. Barroso wusste jedenfalls nach Frattinis Auftritt, dass im Parlament keine Gefahr mehr droht.