Zeit: Frau Rössler, in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich das Verhältnis der Deutschen dazu verändert, was sie von sich preisgeben. Nehmen Sie die Gerichts-Shows oder die Preisgabe von Konsumgewohnheiten. Woher kommt das? Rössler: Diese Shows in den Medien halte ich für eine Modeerscheinung. Die Datensammlung durch Unternehmen hingegen nicht. Das wird bleiben, weil es im Interesse der Wirtschaft ist. Für den Verbraucher bringt es zunächst ja auch den einen oder anderen Rabatt, also Vorteil, – und es ist bequem. Zeit: Glauben Sie, es könnte eine breite politische Bewegung gegen die Sammlung von Daten entstehen? Rössler: Momentan eher nicht. Erstens glaube ich, es wehren sich so wenige, weil das Thema so abstrakt ist. Bei der Volkszählung hatte man einen konkreten Gegner – den Staat – und ein klares Ziel – den Fragebogen zu verhindern.
Zweitens, und das ist mindestens so wichtig, waren es in den achtziger Jahren bestimmte Milieus, die sich zunächst engagiert haben: Linke. Gebildete. Wer heute unter den Datenbanken leidet – also etwa keinen Kredit bekommt, weil sein Profil zu schlecht ist – gehört eher zu den sozial Schwachen. Und diese sind selten die Initiatoren und Träger eines Bürgerprotests. Zeit: Je mehr Datenbanken es gibt, um so größer werden die gebrandmarkten Minderheiten. Rössler: Trotzdem sind spürbare Nachteile durch Datensammlungen bisher ein Phänomen, das die untere Hälfte der Gesellschaft weitaus härter trifft als die obere. Zeit: Welche gesellschaftlichen Folgen haben Datensammlungen, Kundenkarten und Warndateien? Rössler: Ich glaube, das Gefährliche ist, dass wir unser Verständnis von Autonomie und Selbstbestimmung unter der Hand ändern. Wir können auf der eigenen Privatheit bestehen. Immer wieder nachfragen, was mit unseren Daten geschieht. Es ist nur wahnsinnig mühselig. Und umständlich. Deshalb lassen wir es und gewöhnen uns daran. Zeit: Was heißt das? Rössler: Es wird unser Verhältnis zu uns selbst verändern, zu dem, was wir machen können, zu dem, was wir unter einem unbeobachteten Leben verstehen. Da gibt es keinen Trost. Zeit: Was werden wir nicht mehr tun? Was können wir nicht mehr tun? Rössler: Wir werden unbewusst mehr darauf achten, wie wir uns benehmen, wie wir uns im Angesicht von Kameras im öffentlichen Raum bewegen. Wir verhalten uns anders, und sei es nur marginal. Zeit: Bei Kameras kann ich mir das vorstellen. Aber bei Datenbanken? Rössler: Glauben Sie nicht, dass Sie Ihr Verhalten gegenüber Ihrer Versicherung ändern, wenn Sie zu ahnen beginnen, dass man dort akribisch protokolliert, wann Sie anrufen – und warum? Wir gewöhnen uns ganz langsam daran. Freiheit bedeutet kontrollierte Freiheit. Zeit: Verfolgt man diesen Gedanken weiter. Was haben Kundenkartenprogramme und Bundestagswahlen miteinander zu tun? Rössler: Wenn nicht nur die Datenberge in Unternehmen, sondern auch die Zahl staatlicher Zugriffe zunimmt, dann ist die individuelle Autonomie wirklich strukturell, und nicht nur punktuell, gefährdet. Und wenn sich eine Gesellschaft daran gewöhnt und infolgedessen irgendwann niemand mehr davon ausgeht, dass die Selbstbestimmung von Personen ein hoher Wert ist, dann wird das auch Folgen für die Demokratie haben. Sie ist auf Menschen angewiesen, die ihre private wie ihre öffentliche Autonomie schätzen und verteidigen. Aber so weit sind wir noch nicht, auch wenn ärgerlicherweise niemand gegen die Pläne des Bundesinnenministers Otto Schily auf die Strasse geht, biometrische Daten in Ausweisen zu speichern. Beate Rössler ist Professorin für Philosophie an der Universität von Amsterdam. Von Ihr ist zum Thema unter anderem das Buch "Der Wert des Privaten" (Suhrkamp) erschienen