Am 1. Mai dieses Jahres war es endlich so weit: Polen tritt der Europäischen Union bei. Anlässlich dieser politischen Großveränderung richtete die mediale Öffentlichkeit ihr Interesse verstärkt auf Grenzgebiete, in denen das Zusammenleben zwischen Deutschen und Polen schon Wirklichkeit war. Ein halbes Jahr später lässt sich hier schon eine mögliche Zukunft Europas prognostizieren.

Was nach der Aufregung geblieben ist, zeigt ein Blick in den Alltag verschiedener Menschen, die das Leben zwischen bzw. in zwei Kulturen kennen. Hat sich etwas in dem Zusammenleben der Grenzstädte Frankfurt (Oder) auf der deutschen Seite und dem polnischen Slubice verändert? Und wenn ja, was hat der politische Umbruch 2004 wirklich bewirkt, nachdem doch Polen und Deutsche bereits seit 1989 den Grenzfluss Oder unproblematisch überqueren durften?

Ein Rückblick: Das Brückenfest an der Oder anlässlich der diesjährigen EU-Erweiterung schien die Bewohner der beiden Länder in zwei Lager zu spalten, erinnert sich Thomas Jäger, Doktorand an der Europa-Universität Viadrina. Trotz des zeremoniellen Aufwands und der Auftritte hochkarätiger Ländervertreter herrschte eine latente Zwiespältigkeit unter den Anwesenden vor. Während auf polnischer Seite eine ausgelassen-fröhliche Stimmung herrschte, wirkten die deutschen Festbesucher eher verhalten. Für Jäger ein Ausdruck dafür, dass viele Polen den Beitritt als eine Chance für Neuanfänge und Bewegung sahen. In den Köpfen der Deutschen hätte dabei der Gedanke an die Möglichkeit einer zunehmenden Arbeitslosigkeit überwogen.

In den vergangenen Monaten sei kein neues deutsch-polnisches Gemeinschaftsgefühl entstanden, betonten viele Frankfurter. Schließlich lebte man bereits seit Jahren zusammen. Auffällig war nur, dass die Medien ihren Fokus im Rahmen der Veränderung in verstärktem Maß auf die so genannte „Doppelstadt“ richteten. Doch sei das Urteil aus der Ferne Gesamtdeutschlands symbolisch überbewertet, so die Studentin Juliane Strauss. „Der Alltag geht hier weiter, unbeeinflusst von politischen Entscheidungen.“ Als tägliche Pendlerin zwischen ihrem Leben in Slubice und dem Studium an der Frankfurter Universität, bemerke sie keine einschneidenden Veränderungen. Gerade die befragten Studenten, die einen beträchtlichen Teil der Einwohnerschaft auf beiden Seiten des Flusses ausmachen, bekräftigten unisono, ihnen sei das deutsch-polnische Zusammenleben nicht fremd, da alle Studiengänge Zeit ihres Daseins gemischt waren.

Ebenso nimmt Immobilienmakler Walter Müntzenberg nur unterschwellige Fortschritte wahr. Natürlich sei der Einkauf von Lebensmitteln, Zigaretten und Benzin auf der polnischen Seite durch die Abnahme der Grenzkontrollen leichter geworden, gleichzeitig jedoch seien Preissteigerungen zu verzeichnen. Die Besitzerin eines Lebensmittelladens in Slubice, Bozena Nowak, bestätigte dieses für sie negative Ergebnis. Besonders die einkommensschwache Schicht der polnischen Einwohner leide unter den Verteuerungen, genau wie es die Bürger vor der Erweiterung befürchtet hatten. „Jenseits kleiner wirtschaftlicher Veränderungen ist die allegorische Darstellung von Frankfurt als ‚Tor des Ostens’ weitgehend fehlgeschlagen“, so Müntzenberg. Trotz der viel versprechenden geographischen Nähe der zwei Staaten ist ein erhofftes Wirtschaftswachstum bisher ausgeblieben. Dafür hat sich die befürchtete Arbeitslosigkeit durch so genannte Billigarbeitskräfte nicht bewahrheitet.

Politisch möchte man mehr erreichen. Die Zusammenarbeit der Stadtverwaltungen auf beiden Seiten sieht eines ihrer nächsten Ziele in der infrastrukturellen Verbindung des Personennahverkehrs. Zukünftig soll eine Straßenbahn die Grenze passieren und zur Normalisierung des Alltags führen. Wo bis heute Passkontrollen die Länder trennen, soll man bald die Grenze überqueren können, als wechsle man nur das Stadtviertel. Partei- und länderübergreifend ist dieses Projekt schon in Planung. Ist das der erste Schritt im Zusammenwachsen zu einer vereinten Stadt? Ein Unternehmen dieser Größenordnung ist sicherlich nicht in ein paar Wochen zu realisieren.