Die neue Pisa-Studie hat ergeben, dass deutsche Jugendliche im internationalen Vergleich erneut schlechte Schulleistungen zeigen. Schwächstes Fach bei vielen Sprösslingen: der Deutsch-Unterricht. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund, die auch an der Studie teilgenommen haben, zeigen keine Sprachkompetenz. Der Grund: fehlende Förderangebote. Ein Zeitungsprojekt in einer norddeutschen Kleinstadt soll jugendlichen Ausländern helfen, die schulischen Versäumnisse aufzuholen.

Immer dienstags haben es Anna, 14, und Katharina, 15, aus Elmshorn bei Hamburg sehr eilig, mit den Hausaufgaben fertig zu werden. Der Grund: Ab 16.30 Uhr startet die Redaktionssitzung der Jugendzeitung "Augen Auf" in den Räumen des Jugendtreffs "Stromhaus" der örtlichen Arbeiterwohlfahrt.

Gefördert wird das Magazin durch das Projekt "Lokales Kapital für soziale Zwecke" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie durch den Sozialfonds der Europäischen Union. Doch nicht ehrgeizige Nachwuchsjournalisten mischen seit Anfang des Jahres bei "Augen Auf" mit. Die sechs Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren kommen aus Kasachstan, Mazedonien und der Türkei. Sie leben noch nicht lange in Deutschland und wohnen alle in den Hochhausblocks der Elmshorner Hainholz-Siedlung, einem sozialen Brennpunkt mit hohem Ausländer-Anteil.

Die Einwohner dort, egal ob Jung oder Alt, bleiben meistens unter sich. "Ich treffe mich nur mit anderen Russen, mit wem soll ich denn auch sonst reden", sagt Stromhaus-Besucher Oleg, 16, wenn er nach seinen Freunden gefragt wird. "Diese Isolation wollen wir durch unsere Zeitung abbauen. Außerdem zeigen wir, dass Integration auch anders laufen kann als durch Deutschkurse oder Basteltreffen", so Stromhaus-Leiterin Ulrike Kindler, Initiatorin des des in Deutschland bisher einmaligen Projekts. Ziel sei es außerdem, dass die Jugendlichen mithilfe der Recherchen zu unterschiedlichen Themen ihren Horizont erweitern. "Dabei wird auch die Sprachkompetenz gesteigert", betont Kindler.

Diese Aufgabe werde, so die Sozialpädagogin, von den Schulen nicht mehr ausreichend geleistet. Förderkurse für junge Migranten gebe es kaum. Daher verwundert es nicht, wenn ein Teilnehmer, der kurz vor seinem Hauptschulabschluss steht, ohne Hilfe des Rechtschreibprogramms keinen vollständigen Satz formulieren kann. Unbedingte Sicherheit in Sachen Grammatik besteht nicht und muss langsam aufgebaut werden. "Das kann von Jugendlichen aus Deutschland aber auch nicht mehr erwartet werden", weiß die Stromhaus-Leiterin. Allerdings bestehe zu den deutschen Altersgenossen ein wesentlicher Unterschied: "Kaum im Gastland angekommen, müssen sich die Jungen und Mädchen mit ihren Eltern sofort in den neuen Alltag integrieren. Das bestätigt Katharina:"Als ich vor sieben Jahren hierher kam, wurde ich in die zweite Klasse eingeschult. Ich verstand kaum ein Wort und stand während der Pausen alleine in einer Ecke".

Ihre Eltern konnten beim Erlernen der neuen Sprache nicht helfen. "Die mussten selbst wieder die Schulbank drücken", so die Elmshornerin. Sozialpädagogin Ulrike Kindler bestätigt dies: "Wie Katharina ergeht es fast allen Migranten in Deutschland. Sie können ihre Sprachkenntnisse nicht schnell genug aufbauen, denn speziell auf diese Gruppe zugeschnittene Angebote gibt es nicht". Die Folgen seien für die Jugendlichen fatal: "Sie leben in einer Art sprachlichem Vakuum, denn auch die Muttersprache wird meist nur rudimentär verstanden und gesprochen. Der Sinn von Nachrichtentexten und Zeitungsreportagen entgeht den Heranwachsenden völlig. Für mich ist das schon ein Weg hin zum Analphabetentum", betont die Stromhaus-Leiterin, die ihre Schützlinge deshalb oft genug davor warnt, komplizierte Handy- oder Fitnessclubverträge zu unterschreiben. "Wie viele unserer Jugendlichen haben sich schon wahnsinnig verschuldet, weil sie den Inhalt der Dokumente einfach nicht verstanden haben", so Kindler.

Doch "Augen Auf"soll nicht nur die Sprachkompetenz steigern. Das Medium bringt die jungen Migranten aus Elmshorn-Hainholz mit Vertretern der Stadt und anderen Institutionen zusammen. So plauderte kürzlich Elmshorns Bürgermeisterin Dr. Brigitte Fronzek im Rahmen eines Interviews mit den "Augen Auf"-Redakteuren unter anderem über ihren Alltag als Verwaltungschefin. Die Berufsperspektiven bei den Teilnehmern verändern sich nun von Woche zu Woche. „Der Hauptschulabschluss reicht nicht aus, um Journalistin zu werden. Da muss ich eben noch weiterpauken“, bemerkt Anna.