Nicht Hand noch Ärmel, weder Fußboden noch Spucknapf sind die geeigneten Aufbewahrungsorte für Nasenschleim und Auswurf. Dieser gesellschaftliche Konsens ist noch recht jung. Erst seit dem späten 19. Jahrhundert, als Textilien maschinell erzeugt und erschwinglich wurden, verbreitete sich in allen Schichten – gleichzeitig mit dem Hygienegedanken – das Textiltaschentuch. Gesundheitlich unbedenklich war das voll geschnäuzte, nur gelegentlich gewaschene Stofftaschentuch allerdings noch immer nicht. Die endgültige Trennung des kultivierten Körpers von seinen obskuren Absonderungen setzte zwingend die Erfindung des Wegwerftaschentuchs voraus.

Statt Wegwerftaschentuch kann man auch gleich Tempo sagen. Tempo ist, wie Tesa oder Maggi, Marke und Gattungsbezeichnung zugleich. Selbst die Kriepa-Tücher der DDR hießen Tempo. Tempo feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag.

Am 29. Januar 1929 betrat der Papierfabrikant Oskar Rosenfelder, Besitzer der Vereinigten Papierwerke in Nürnberg, das Berliner Reichspatentamt. Unter der Nummer V 12621 meldete er die Papiertaschentuchmarke Tempo zum Patent an. Im selben Jahr begann er mit der Produktion.

Tempo als Zeitgeisttüchlein der wilden, eiligen Zwanziger kam eigentlich ein wenig spät. Nur Wochen nach Produktionsstart begann mit dem Schwarzen Freitag die Weltwirtschaftskrise. Umso entschlossener betrieb Rosenfelder die Vermarktung seines beispiellosen Produkts. In Zeitungsannoncen warb er für Tempo mit dem Versprechen: Mehr Hygiene! Mehr Komfort! Schleim und Schnodder galten ab sofort nicht mehr nur als suspekt, sondern sogar als gefährlich. Denn in ungewaschenen Taschentüchern hocken wie Springteufel die eigenen hineingeniesten Bazillen, stets darauf erpicht, den frisch Genesenen erneut zu befallen. Nur Tempo garantiere, dank seiner Vernichtung nach Gebrauch, die vollständige Entsorgung der klebrigen Sekrete. Die wenig delikate Handwäsche benutzter Stofftaschentücher war sicherlich ein nicht unwichtiger zusätzlicher Kaufanreiz.

18 Papiertüchlein steckten in einer knisternden Pergamentpapierpackung mit dem Aufdruck "Kein Waschen mehr!". Zwar stand "seidenweich" schon auf der ersten Packung. Dennoch muss man sich die ursprünglichen Tempotücher ungefähr wie das bis vor wenigen Jahren gebräuchliche Toilettenpapier der Bundesbahn vorstellen: steif und kratzig, und sobald es einmal feucht war, zerfiel es rasch. Das Produkt kam trotzdem an. 1933 lag die Produktion schon bei 35 Millionen Päckchen. Im selben Jahr musste der jüdische Unternehmer emigrieren. Sein Fürther Nachbar, der Nazi Gustav Schickedanz (Quelle), übernahm 1935 Werk und Marke günstig und steigerte die Produktion weiter. Nach dem Krieg katapultierte das westdeutsche Wirtschaftswunder den Umsatz des Wegwerfproduktes Tempo in ungeahnte Höhen und machte das Zellstofftuch zum Allgemeingut. 1994 kaufte der US-Konsumgüterkonzern Procter & Gamble Tempo einschließlich der Produktionsstätte in Neuss.

Alle Versuche, in Amerika Tempos zu verkaufen, waren wirkungslos

Nach einem Dreivierteljahrhundert ist der Sieg des Papiertaschentuchs über das alte Stofftaschentuch vollständig errungen. Viele Leute besitzen nicht ein einziges textiles Taschentuch mehr. Immer weniger Kinder haben jemals eins gesehen. Tempo dagegen verkauft heute weltweit 20 Milliarden Päckchen im Jahr. Eine Ausnahme stellen dabei die USA dar. Hier behilft man sich seit jeher mit Kosmetiktüchern (Kleenex), die man aus einer Großpackung zupft. Das Pocketformat kommt dort auf einen lächerlichen Marktanteil von einem Prozent. Alle Versuche von Tempo, im Kleenex-Land Fuß zu fassen, waren verzweifelt und wirkungslos. Im Tempo-Land stößt umgekehrt das amerikanische Verhalten auf völliges Unverständnis. Eine Damenhandtasche ohne die Tagesration weißer Tüchlein zum Beispiel wäre hier undenkbar. Die Bitte um ein Tempo kommt der Einforderung eines Menschenrechts gleich. Tempos sind bei uns so ubiquitär und selbstverständlich wie Toilettenpapier (welches sie nicht selten ersetzen).

Im Windschatten des Originals sind allerdings auch zahllose Konkurrenten und Billiganbieter groß geworden. In Deutschland ist Tempo noch Marktführer, nicht zuletzt, weil man auch Discounter beliefert. So stecken in Cien- und Solo-Päckchen (Lidl und Aldi) oft echte Tempotücher, allerdings minderer Qualität. Europaweit hingegen ist die Svenska Cellulosa Aktiebolaget (Zewa Softies) der größte Papiertaschentuchhersteller. Die Schweden schnappten Mitte der achtziger Jahre Tempo entscheidende Marktanteile weg, weil sie als Erste die wiederverschließbare Verpackung auf den Markt brachten. Bis dahin waren die Oberkanten der Papiertücher immer schnell unansehnlich gewesen.