Sämtliche Analysten der sächsischen Landtagswahl waren sich einig, dass der Erfolg der NPD den so genannten Protestwählern geschuldet sei. Rechtsextreme Parteien würden nicht wegen, sondern trotz ihrer rechtsextremen Propaganda gewählt. Verschwiegen wurde in diesen verharmlosenden Analysen jedoch, wie intensiv die NPD bereits jetzt die ideologische Mobilmachung ihrer potenziellen Wähler betreibt und wie der Einzug ins sächsische Parlament ihre organisatorische und finanzielle Basis verbessert hat. Neuere Schriften aus dem Partei-Verlag Deutsche Stimme belegen die erfolgreiche Arbeit der NPD an ihrer politischen Professionalisierung. So verschickte der Verlag in diesen Tagen den Taschenkalender des nationalen Widerstandes, der die Speerspitze einer groß angelegten Kalenderoffensive 2005 ist. Bezogen werden können unter anderem ein Germanischer Jahrweiser, großformatige Kalender mit Motiven aus dem Zweiten Weltkrieg oder mit Aktfotos von deutschen Menschen in der Natur.

Derartige Kalender sind seit Jahren im Angebot rechter und rechtsextremistischer Verlage, den Taschenkalender des nationalen Widerstandes gibt es jedoch erst seit 2004. Herausgeber ist Holger Apfel, stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD, der als strategischer Kopf der Partei gilt und in den neunziger Jahren die NPD-Jugendorganisation für gewaltbereite Neonazis öffnete. Ihnen vor allem will Apfel nun mit seinem unverzichtbaren Begleiter durch den Jahreslauf ... Grundlagenwissen aus Politik, Kultur und Zeitgeschichte vermitteln. Tatsächlich ist der Kalender ein revisionistisches Geschichtslehrbuch. Wenn die NSDAP mit dem Rekurs auf das germanische Erbe die Großmachtsansprüche Nazideutschlands begründete, so beginnt die ideologisch relevante Zeitgeschichte für die NPD mit dem Frieden von Versailles und endet mit der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Den Kapp-Lüttwitz-Putsch beispielsweise interpretieren die Autoren als legitimen Versuch zur Abschaffung der ungeliebten Weimarer Republik. Sie suggerieren, dass zur Abschaffung des verhassten Systems Bundesrepublik nur eine bessere Vorbereitung notwendig wäre.

Mehrfach behandelt wird außerdem die Waffen-SS. Biografische Skizzen würdigen die Kühnheit ihrer Offiziere, die als heldische Identifikationsfiguren aufgebaut werden. Dass deren Kriegsverbrechen nicht thematisiert werden, versteht sich von selbst, stattdessen werden die rund 200 000 ausländischen Freiwilligen in den SS-Divisionen zu Vorkämpfern einer europäischen Revolution stilisiert, die Mitglieder der Waffen-SS zu Visionären eines neuen Europa. Auch zum Jahr 1945 gibt es in dem Kalender zahlreiche Einträge. Erinnert wird an den Bombenkrieg, die Vertreibung aus den Ostgebieten und die Massenvergewaltigungen durch sowjetische Soldaten. Damit schließt die NPD an aktuelle Geschichtsdebatten über den Zweiten Weltkrieg an, die vor allem das Leid der Deutschen thematisieren. Doch trotz der zurzeit in den Medien überall präsenten Bereitschaft, deutsche Opfer zu betrauern, unterstellen die Kalenderautoren der bundesdeutschen Gegenwartsgesellschaft eine masochistische Freude über den Untergang des Deutschen Reiches. Wütend weisen sie den Begriff Befreiung zurück und verkünden: 1945: Wir feiern nicht!

Dass die NPD sich auch nicht scheut, auf drastische Weise antisemitische Ressentiments zu schüren, beweist ein vierseitiger Aufsatz über den Sklavenhandel, worin behauptet wird, dass es sich hierbei um eine orientalische Tradition handle, orientalisch aber meint jüdisch, wie aus dem Text dann hervorgeht. Israel sei heute die wichtigste Drehscheibe des Mädchenhandels im Nahen Osten, früher sei der Handel mit Negersklaven fest in jüdischer Hand gewesen. Beides ist falsch, widerlich die Argumentation: In der mosaischen Religion würden allen, die nicht zum auserwählten Volke gehörten, fundamentale Menschenrechte abgesprochen. Illustriert ist der Text mit einer Zeichnung, die drei verängstigte junge Frauen zeigt. Ein bärtiger, hakennasiger Mann streckt krallenartige Hände nach ihnen aus.

Ein neues Deutsches Reich würde kleineren Völkern Hilfe anbieten

Im Gegensatz zum Thema Geschichte nehmen Kunst und Kultur geringen Raum in dem Kalender ein, doch die Artikel über die Schriftsteller Ernst Jünger, Ezra Pound und J. R. R. Tolkien sind darum nicht weniger demagogisch. Jünger wird als Vertreter des heroischen Realismus gewürdigt, in Pound sehen die Autoren einen ungehörten Mahner angesichts der kulturellen Barbarei des Amerikanismus, und an Tolkien fasziniert sie die antiaufklärerische Tendenz. Der Oxford-Professor habe das Angelsächsische, mithin Germanische, als eigentliche Tradition Großbritanniens gesehen, das Keltische und Piktische genauso abgelehnt wie das Christlich-Römische.

Heidnisch-Germanisches prägt auch die typografische Gestaltung des Kalenders: Geburts- und Sterbedaten sind mit Runen anstelle der christlichen Zeichen Stern und Kreuz kenntlich gemacht. Trotzdem hat das Thema Neuheidentum untergeordnete Bedeutung, denn damit lassen sich in den stark atheistisch geprägten neuen Bundesländern keine Wähler gewinnen.