Den Gräfin-Dönhoff-Preis zu erhalten, hat mich mit tiefer Freude, aber auch mit Scheu erfüllt. Die Freude kann man wohl auf Anhieb verstehen. Denn natürlich lässt man sich trotz aller Erziehung zur Bescheidenheit, einfach gern etwas Gutes sagen. Und gar von diesem Preisstifter und im Namen dieser vorbildlichen Frau. Deshalb liegt mir zu aller erst daran, Ihnen für diese Entscheidung von Herzen zu danken. Sie ermutigt mich und verpflichtet mich natürlich auch. Riesig gefreut habe ich mich auch, dass Sie, lieber Herr Bundeskanzler, bereit waren, die Laudatio zu halten. Nicht nur wegen des Rangs Ihres Amtes und der damit verbundenen großen Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil ich mir vorstellen kann, dass ein ruhiger Sonntag-Vormittag Ihnen in Ihrem ungemein Kräfte zehrenden Amt auch nicht ungelegen gekommen wäre. Sondern weil ich Sie in den letzten Jahren, in denen ich Sie näher kennen lernen konnte, entgegen meinen früheren Vermutungen – die sicher auch etwas mit den innerparteilichen Auseinandersetzungen der siebziger und achtziger Jahre zu tun hatten – als einen eben nicht nur dem Machtkalkül, sondern Ihrer Überzeugung und den damit verbundenen Sacherfordernissen folgenden Mann erfahren habe, vor dem ich großen aufrichtigen Respekt habe. Und selbst wenn das nicht rundweg vor Fehlentscheidungen bewahren kann, vertraue ich Ihrem Willen, die Dinge, anstatt sie auf einen wahlkampfträchtigen Aspekt zurechtzustutzen, im größeren Zusammenhang zu sehen und notfalls auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, gerade in der Demokratie und für die Demokratie.Aber der schöne Preis hat auch Scheu ausgelöst. Denn die Namensgeberin, Gräfin Dönhoff, hat mich immer mit großer Bewunderung und mit Respekt erfüllt, aber eben auch mit Scheu. In ihrer schlichten Vornehmheit, in ihrer preußischen Schnörkellosigkeit, in der nüchternen Selbstverständlichkeit, in der sie – scheinbar (oder anscheinend?) autark – ihren Weg ging, wirkte sie auf mich oft gleichsam unerreichbar, vielleicht sogar unnahbar: als Vorbild, als Mensch, als Frau. Freilich wollte Gräfin Dönhoff ja gerade, dass jeder seinen eigenen Weg ginge, und damit fühle ich mich wieder entlastet.Die Unerreichbarkeit des Vorbildes (vielleicht gehört Unerreichbarkeit überhaupt zum Vorbild) lässt ja im übrigen die Orientierung durchaus zu. Insbesondere für das deutsch-polnische Verhältnis, für das Gräfin Dönhoff mit der Klugheit ihres Geistes, der Großzügigkeit ihres Herzens und der Aufrichtigkeit und Tiefe ihrer Persönlichkeit Maßstäbe gesetzt hat und bis heute Orientierung bietet. Nicht einen Augenblick hat sie bei unseren polnischen Nachbarn das Missverständnis einer einseitig deutschen Parteilichkeit ausgelöst. Nicht einen Augenblick lang hat sie sich – umgekehrt – bei den polnischen Nachbarn angebiedert.Es ist spannend, sich in ihrer Aufsatzsammlung zum deutsch-polnischen Verhältnis, die 1990 unter dem Titel „Polen und Deutsche. Die schwierige Versöhnung“ erschienen ist, den langen Weg zur Demokratisierung Polens und zur schließlichen staatlichen deutschen Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze noch einmal vor Augen zu führen. Unbeirrt verfolgt sie in ihren Kommentaren einen Weg, der auf der einen Seite die damalige polnisch-kommunistische Geschichtsklitterung abweist, nach der die ehemaligen deutschen Ostgebiete schon früher überwiegend von Polen besiedelt gewesen wären; der aber vor allem gegen jede Revisionsforderung unmissverständlich klar stellt, dass es der nationalsozialistische Größenwahn war, der zum Verlust dieser Gebiete geführt hat, einem endgültigen Verlust, dessen Anerkennung aller erst für Polen und Deutsche eine gemeinsame Zukunft eröffnet.Eben auf diese Schlussfolgerung: Auf die gemeinsame Zukunft kommt es an. Gräfin Dönhoff wusste, dass es für unsere beiden Völker nur eine gedeihliche Zukunft geben kann, wenn wir keine Ansprüche mehr auf Vergangenes stellen, gegen niemanden. Wenn wir einsehen, dass die Ungeheuerlichkeit deutscher Politik im Nationalsozialismus, in deren Dienst die deutsche Wehrmacht, auch die Besatzungsmacht in Polen stand, weit über tradierte Formen der Fremdherrschaft hinausging. Sie belegt dies mit den Worten des Generalgouverneurs Hans Frank. „Kein Pole“, so Frank in einer Ansprache, „soll über den Rang eines Werkmeisters hinauskommen. Kein Pole wird die Möglichkeit erhalten können, an allgemeinen staatlichen Anstalten sich eine höhere Bildung anzueignen. Ich darf Sie bitten,“ befiehlt er seinen Untergebenen, „diese klare Linie einzuhalten!... Was wir jetzt als Führungsschicht in Polen festgestellt haben, das ist zu liquidieren; was wieder nachwächst, ist von nun an sicherzustellen und in einem entsprechenden Zeitraum wieder wegzuschaffen...Wir brauchen diese Elemente nicht erst in die Konzentrationslager des Reiches abzuschleppen; denn dann hätten wir Scherereien und einen unnötigen Briefwechsel mit den Familienangehörigen, sondern wir liquidieren die Dinge im Lande.“ (zit. nach Dönhoff, Polen und Deutsche Die schwierige Versöhnung, S. 55f.) Hier ging es nicht einfach um eine Herrschaftseroberung, hier ging es um die andauernde Erniedrigung eines Volkes und um seine substanzielle Vernichtung.Diese nationalsozialistische Politik konnte auf einer weitverbreiteten Geringschätzung der Polen in der deutschen Bevölkerung aufbauen, deren Nachwirkungen wir bis heute finden. Sie verweist auf die Asymmetrien zwischen Polen und Deutschland, die die deutsch-polnischen Beziehungen noch Jahrzehnte lang begleiten werden und die man immer im Kopf behalten muss, wenn man die unterschiedlichen Reaktionen in unseren Ländern verstehen und sie ins Positive bewegen will. Eine Emnid-Umfrage vom Mai dieses Jahres, die frühere Umfragen durchaus bestätigt, bringt sie in verschiedenen Punkten markant zum Ausdruck: Während die Polen keines ihrer Nachbarländer – auch Russland nicht – negativ einschätzen und den Deutschen erkennbar Sympathie entgegenbringen, hegen die Deutschen gegenüber den Polen negative Gefühle, und zwar desto mehr, je entfernter sie von Polen leben. Die Polen kennen deutsche Dichter und vor allem die Sprache viel besser als umgekehrt, sie sind überhaupt, und insbesondere in Bezug auf die EU optimistischer als die Deutschen. Interessant ist der Befund einer polnischen Jugendstudie: Polnische Jugendliche wissen über den Zweiten Weltkrieg und das Leid, das er über die Polen, aber auch über die Deutschen gebracht hat, deutlich besser Bescheid als die Deutschen. Und je genauer deutsche Schüler wissen, was Hitler-Deutschland seinen Nachbarn angetan hat, desto gerechter werden sie mit ihrem Urteil über die Nachbarn.Es ist also durchaus möglich, sich gegenseitig zu begreifen und gemeinsam in die Zukunft zu gehen, wenn wir uns die Mühe machen, uns mit unseren Nachbarn und ihrer Geschichte zu beschäftigen.In den letzten Jahren ist im deutsch-polnischen Verhältnis – das sich nach 1989 so erstaunlich glücklich entwickelt hatte - viel Porzellan zerschlagen worden. Es kann nur gekittet werden, wenn wir durch Wahrhaftigkeit neues Vertrauen gewinnen. Dies gilt ganz besonders für eine Erinnerungsstätte an die Vertreibung. Aber mit dem Vertrauen ist es so eine Sache: Wenn es durch zu viele Widersprüche verspielt ist, kann man es, zumal im Umgang mit den Völkern, nicht mehr zurückholen. Es ist dann ein Akt des Engagements in der Sache, sich zurückzuziehen, um anderen einen neuen Anfang zu ermöglichen.Für einen Ort deutscher Trauer über ihre Vertreibungsopfer oder, wahrscheinlich zukunftsträchtiger: Der gemeinsamen Trauer über die Vertreibungen in Europa, gemeinsamen Lernens über die Ursachen und gemeinsamer Initiativen gegen die Erneuerung dieses Leids werden wir durchaus Verständnis und Verbündete finden, zumal, wenn die Gedenkstätte wirklich von Europäern, nicht vornehmlich von Deutschen konzipiert wird. Für einen Ort der Belehrung und der indirekten Schuldzuweisung an unsere Nachbarn nicht. Viele Deutsche haben, auch innerhalb Deutschlands, infolge von Nationalsozialismus und Krieg Hab und Gut und ihr Leben verloren. Wir sollten aufhören, auf die eigenen Interessen zu pochen und die Vergangenheit in Gerichtsprozessen und gegenseitigen Anschuldigungen in aller Hässlichkeit wieder auferstehen zu lassen. Damit beschwören wir etwas herauf, was wir möglicherweise nicht mehr steuern können. Die höchste Form der Gerechtigkeit, sagt Aristoteles in der Nikomachischen Ethik, ist das „Gütige im Gerechten“, „nicht im Sinne der durch das Gesetz gewährleisteten Gerechtigkeit, sondern es ist eine Berichtigung der Gesetzesgerechtigkeit.“ Konkret bedeutet das Gütige den Verzicht auf etwas, was einem zwar vielleicht gesetzlich zustünde, worauf zu bestehen aber einen größeren Schaden anrichten würde als der Verzicht (Aristoteles, Nichomachische Ethik, Buch V., Nr. 14, 1137b 10-19, Reclam, S. 149) Aristoteles war ein weiser Mann. Um diesen Verzicht aus dem Geist der „Güte“ bitte ich alle, die gegenwärtig meinen, ihre Ansprüche ohne Rücksicht auf die politischen und die menschlichen Konsequenzen und nur mit Blick auf das Eigene verfolgen zu sollen. Im Sinne des Aristoteles können sie dafür gerade nicht das hohe Gut der rechtlichen Gesinnung in Anspruch nehmen.Auch hier zeigt uns Gräfin Dönhoff den Weg, dem Eigenen verbunden zu bleiben und zugleich zur Versöhnung beizutragen, wenn sie daran erinnert: „Vielleicht ist dies der höchste Grad der Liebe: zu lieben ohne zu besitzen.“