Wir haben uns heute hier versammelt, um zum zweiten Mal den Marion Dönhoff Preis zu verleihen – einen Preis, der die Erinnerung an Gräfin Dönhoff wach halten soll, an die große Journalistin, die vor zweieinhalb Jahren von uns gegangen ist, die unermüdliche Mittlerin zwischen den Völkern, zumal zwischen den Deutschen und den Polen, an eine hochherzige Frau im übrigen, die vielen Menschen in aller Welt unentwegt Gutes getan hat. Der Marion Dönhoff Preis wird gemeinschaftlich von der Marion Dönhoff Stiftung, der ZEIT-Stiftung und der ZEIT verliehen. Diese drei Institutionen markieren jene drei Lebenskreise, in denen die Gräfin Erfüllung fand: ihre Familie, der sie bis zuletzt als mater familias vorstand; dann die Wochenzeitung DIE ZEIT, deren Rückgrat und Seelenachse sie 56 Jahre lang gewesen ist (ich denke, sie würde mit großer Freude sehen, wie „ihr“ Blatt letzthin zu neuer Stärke und wieder ständig steigendem Publikumsanklang gefunden hat, ohne seine Qualität zu mindern); schließlich die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, in deren Kuratorium sie über dreißig Jahre eine kluge, zur helfenden und fördernden Tat drängende Ratgeberin war. Als Vorsitzender der Jury des Marion Dönhoff Preises begrüße ich sehr herzlich die Vertreter der drei genannten Institutionen: Dr. Rainer Esser, den Geschäftsführer des ZEIT-Verlages; Hermann Graf Hatzfeldt, den Vorsitzenden der Marion Dönhoff Stiftung, und Professor Michael Göring, den geschäftsführenden Vorstand der ZEIT-Stiftung.Zugleich begrüße ich die Mitglieder der Jury, die heute hier anwesend sind: Lord Dahrendorf, einen alten Weg- und Spaziergefährten Marion Dönhoffs; Professor Manfred Lahnstein, den Vorsitzenden des Kuratoriums der ZEIT-Stiftung; Janusz Reiter, den ersten Botschafter des wieder freien Polen in der Bundesrepublik, dem die Gräfin einst in der ZEIT-Redaktion Unterschlupf, Freiraum und geistige Heimat geboten hatte. Leider können die Jury-Mitglieder Helmut Schmidt, Fritz Stern und Richard von Weizsäcker heute morgen nicht bei uns sein. Alle drei haben sich jedoch auch in diesem Jahr wieder an der Auswahl der Preisträger beteiligt und lassen diesen ihre Grüße und Glückwünsche entbieten.Unsere Preisträger im vergangenen Jahr waren Rupert Neudeck, der Menschenretter von Cap Anamur, und Dietrich von Bodelschwingh, der Gründer des Vereins Heimstatt Tschernobyl – beides Menschen, die auf exemplarische Weise Marion Dönhoffs Maßstab genügten, Menschen nämlich, die wissen, worauf es ankommt. Ich freue mich sehr, Rupert Neudeck, dass Sie mit Ihrer Frau Christel und Ihrer Tochter Milena heute unter unseren Gästen sind.Wie schon im letzten Jahr, so haben uns auch in diesem Jahr die ZEIT-Leser Hunderte von Vorschlägen für den mit 20.000 Euro dotierten Hauptpreis und für den Förderpreis von 10.000 Euro eingereicht. Aus einem Waschkorb voller Vorschläge hat dann die Jury die beiden diesjährigen Preisträger ausgewählt: Frau Professor Gesine Schwan, die Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder, und das Maximilian-Kolbe-Werk, das hier durch Herrn Dr. Friedrich Kronenberg vertreten wird. Dieses Hilfswerk ist nach dem tapferen polnischen Franziskanerpater benannt, der im Juli 1941 im Konzentrationslager Auschwitz anstelle des zu einer qualvollen Hinrichtung verurteilten Familienvaters Gajorniszek in den Tod ging und 1982 als „Märtyrer der Versöhnung“ heiliggesprochen wurde. Das Maximilian-Kolbe-Werk hat in den zurückliegenden dreißig Jahren Tausende von Überlebenden der KZ’s und der Ghettos, Polen, Ukrainer, Weißrussen und Russen hingebungsvoll betreut.Frau Schwan und Herrn Kronenberg gilt in dieser Feierstunde mein ganz besonderer Gruß. Wobei ich Ihnen, verehrte Gesine Schwan, zweierlei ausdrücklich versichern möchte.Zum ersten: Die Preisverleihung ist keineswegs ein Vergelt’s Gott für die erhebende Feier, die Sie der Gräfin zu deren 90. Geburtstag an der Europa-Universität Viadrina ausgrichtet haben, deren Präsidentin sie seit 1999 sind.Zum zweiten: Schon gar nicht soll der Marion Dönhoff Preis ein Trostpreis für die Ihnen entgangene Bundespräsidentschaft sein. Viel mehr gilt die Auszeichnung Ihnen ganz persönlich, Ihrem vielfältigen praktischen Wirken für die Überwindung eines Gegensatzes, der unseren beiden Nationen Jahrhunderte einer unglückseligen Nachbarschaft beschert hat. Unser Auswahlverfahren lief auf Sie hinaus, ehe Ihr heutiger Laudator auf die Idee kam, Ihnen die Präsidentschaftskandidatur der Regierungsparteien anzutragen. Es lief auf Sie hinaus, weil Sie wie kaum eine andere Person sich für eine Sache eingesetzt haben, die der Gräfin jahrzehntelang am Herzen, auf dem Herzen lag: die schwierige Versöhnung zwischen Polen und Deutschland – „Die schwierige Versöhnung“ war der Titel eines ihrer Bücher.Herr Bundeskanzler,es ist uns eine Ehre und eine Freude zugleich, dass Sie so rasch und wie selbstverständlich eingewilligt haben, die Laudatio auf unsere Preisträgerin zu halten. Was Gräfin Dönhoff trotz Vertreibung und Verlust der Heimat ein Herzensanliegen war, was sich Gesine Schwan zur Lebensaufgabe gemacht hat – nämlich die deutsch-polnische Nachbarschaft unter dem Dach der Europäischen Union ein für allemal zu entgiften –, ist auch ein Ziel Ihrer Politik. In einer der großen Kanzlerreden unserer Republik, gehalten vor dem Sejm am 1. August dieses Jahres, dem 60. Jahrestag des Warschauer Aufstands, haben sie Ihrer Hoffnung auf Verstehen, Vergebung und Versöhnung Ausdruck verliehen. Zugleich haben sie Ihre politische Absicht verkündet, die deutsch-polnische Partnerschaft zu einem Zukunftspakt auszubauen. In dieser Absicht treffen sie sich mit Gesine Schwan, aber auch mit Janusz Reiter, dem anderen Laudator des heutigen Tages. Der Entschlossenheit des Staatsmannes, der Großzügigkeit des Herzens, die unsere Preisträgern auszeichnet, und der analytischen Erkenntniskraft Janusz Reiters liegt dieselbe Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft in einem Europa zugrunde, in dem die Freiheit der Nationen deren Gemeinsamkeit ermöglicht und verbürgt.Nichts anderes hatte Marion Gräfin Dönhoff im Sinn. Sie alle – der Bundeskanzler, die Universitätspräsidentin, das Maximilian-Kolbe-Werk und der Mann, der keine Botschaft mehr braucht, um ein wirklicher Botschafter zwischen unseren Völkern zu sein – Sie alle arbeiten daran, die Vision Marion Dönhoffs zur Realität werden zu lassen. So beglückwünsche ich denn unsere Preisträger, und ich danke beiden Laudatoren. Könnte dir Gräfin unter uns sein, ihr Beifall wäre ihnen gewiss.