Die Wolkendecke senkt sich wie eine Bleiplatte auf die Ötztaler Alpen. Zwischen den Gipfeln pfeift der Föhn, eine Bö fegt ein Paar Skistöcke über den Gletscher. Die Berge ringsum sind braun, das Geröll ist grau, der Schnee lässt auf sich warten. Mit der romantischen Vorstellung vom Skifahren, die normale Menschen ins Gebirge zieht, hat diese Szenerie gar nichts gemein.

Maria Riesch ist heute Morgen um sechs Uhr aufgestanden. Um acht zieht sie ihre ersten Schwünge über den Pitztaler Gletscher. Sie sagt: "Hauptsache, die Piste ist hart, dass man die Ski gscheit hinsetzen kann. Neuschnee ist etwas für Skiurlauber." Die Trainer der deutschen Ski-Nationalmannschaft stecken gerade die Tore für den Superriesenslalom, Akkubohrmaschinen jaulen über die Piste. Marias Augen wandern den kupierten Hang hinab, studieren jede Welle, soweit sie im diesigen Licht zu erkennen ist. "Schlechte Bodensicht", sagt sie.

Maria Riesch ist 20 Jahre alt und steht gleichsam am Start zum zweiten Durchgang: Vergangenen Winter hat sie drei Weltcuprennen in drei unterschiedlichen Disziplinen gewonnen: Abfahrt, Super-G und Slalom. Am Ende belegte sie den dritten Platz in der Weltcup-Gesamtwertung, und ihr Name wurde immer öfter mit den großen Stars des deutschen Skisports in Verbindung gebracht: Katja Seizinger und Rosi Mittermaier. "Seit Jahren hat man auf so eine Athletin gewartet", sagt der Sprecher des Deutschen Skiverbands, "jung, frisch, mit einem irrsinnigen Potenzial."

Der Superstar in spe hat ein mädchenhaft glattes Gesicht. Marias Augen schauen ernsthaft und erwartungsvoll. Das dunkelblonde Haar trägt sie kurz und praktisch, aber mit Strähnchen und Frisur. Wenn sie den Helm aufsetzt, packen zwei kräftige Hände energisch zu. Ihre Waden und Oberschenkel sind kräftiger als bei manchem Mann, und ihre Größe von 1,81 Meter ist in den schnellen Disziplinen von Vorteil: Dank der langen Beine kann sie in den Kurven länger in der gehockten Idealposition bleiben.

Mit drei Jahren stand Maria das erste Mal auf Skiern. "Ihre Mutter war bei mir in der Skigymnastik und hat mich gefragt, ob ich ihrer ältesten Tochter das Skifahren beibringe", erinnert sich Charly Leitner. Der Trainer des Skiclubs Partenkirchen war skeptisch, "ideal wäre es, mit fünf Jahren anzufangen". Doch im Schnee merkte er schnell, dass das Mädchen mit den dünnen Beinen nicht vom falschen Ehrgeiz der Eltern auf die Piste getrieben wurde, sondern einen riesigen Spaß am Skifahren hatte. Später, im Schülertraining, konnte sie nicht genug kriegen. Am Start drängelte sie sich vor – "Ich musste manchmal dazwischengehen: Maria, gib a Ruah, du bist noch net dran."

Ihr Erfolgsgeheimnis: Sie hat gleich die Carvingtechnik gelernt

Die Mutter holte Maria von der Schule ab, im Auto zog sie sich um, damit es auf die Gondel um 13.30 Uhr zum Training am Hausberg reichte. Nach dem Skifahren ging’s zum Tennistraining, erst dann kamen die Hausaufgaben. Als Marias jüngerer Bruder bei einem Skiunfall einen Schädelbruch erlitt, zog die Mutter eine pragmatische Konsequenz: Ab sofort durften die drei Kinder nur noch mit Helm auf die Piste. "Das war uncool", erinnert sich Maria, aber sie hat sich gefügt. Mit 16 Jahren fuhr sie ihr erstes Weltcuprennen und belegte auf Anhieb Platz 20. Sie wollte die Schule schmeißen und sich ganz auf den Sport konzentrieren, auf Drängen der Eltern machte sie das Abitur. Heute sagt sie: "Skifahren ist der Hauptbestandteil meines Lebens."

Dank der Einnahmen aus dem Neujahrsskispringen hatte der SC Partenkirchen als einer der ersten Skiclubs in Deutschland einen hauptamtlichen Trainer. Charly Leitner übte mit dem Jahrgang von Maria Riesch von Anfang an die neue Carvingtechnik: nicht mehr wie mit den alten Skiern um die Kurve rutschen, sondern den Schwung auf der Kante fahren. Heute profitiert Riesch in der Weltspitze davon, dass sie gleich die neue Schule des Skisports erlernt hat: Ihre älteren Konkurrentinnen mussten eingeschliffene Bewegungsmuster mühsam umtrainieren. Leitner erinnert sich auch noch an die ersten Rennen von Maria: "Sie hat immer den kürzesten Weg zwischen den Toren gesucht. Und sie hat sich getraut, diese brutale Linie zu halten."