Von der größten Freihandelszone der Welt ist die Rede, und das nicht nur Peking, wo der Verkündungston in der Staatspresse Usus ist, sondern auch in Hongkong, Bangkok und Kuala Lumpur, wo der Ton gewöhnlich etwas kritischer ist. In ihr sollen schon ab 2010 zwei Milliarden Menschen von der inneren Mongolei bis Indonesien, von Shanghai bis Singapur vom freien Warenaustausch profitieren. "Eine neue Ära der Beziehungen zwischen China und Südostasien ist angebrochen", schrieb die staatliche chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Doch kann man den Ankündigungen Glauben schenken?Die Begeisterung resultiert aus einer wirtschaftlichen Dynamik, die China und die zehn in der ASEAN-Gruppe vereinten südostasiatischen Länder zu wichtigen Handelspartnern gemacht hat. Um 35 Prozent ist der Warenaustausch zwischen China und ASEAN allein in den ersten neun Monaten des Jahres gewachsen und wird am Jahresende 100 Milliarden Dollar erreichen. Damit ist China auf den besten Weg, in den nächsten Jahren die USA, die 2003 ein Handelsvolumen von 120 Milliarden Dollar mit der ASEAN-Gruppe aufwiesen, als wichtigster Handelspartner Südostasiens abzulösen. Allerdings fehlten dem rasanten Handelswachstum zwischen China und ASEAN bislang noch die politischen Leitplanken; weshalb es nun am Rande des 10. ASEAN-Gipfel in Laos zum Abschluss eines Freihandelsabkommens mit China kam, das sich vornimmt, bis 2010 alle Zölle zu eliminieren. Zugleich erkannten die ASEAN-Länder China den Status einer Marktwirtschaft an, was Peking in Zukunft helfen wird, sich gegen Dumping-Vorwürfe zu wehren.Auf dem Gipfeltreffen in Laos peilte der chinesische Premierminister Wen Jiabao sogar noch weit über den Freihandel hinausreichende Ziele an, sprach von einer "strategischen Partnerschaft für Frieden und Wohlstand" in Asien und den "gemeinsamen Interessen der ganzen Region". Doch eben solche großen Worte hörte man von den Führern der ASEAN-Länder nicht. Weshalb zuweilen durchaus der Eindruck entstand, dass sich die Regierungen Südostasiens eher gezwungenermaßen für den Pakt mit China hergeben. Tatsächlich haben sie kaum eine andere Wahl: China zieht derzeit über doppelt so viel ausländische Direktinvestitionen an wie die ganze ASEAN-Gruppe. Um davon mehr abzubekommen, ist ein Freihandelsabkommen mit China unerlässlich.Statt mit China würden viele südostasiatische Regierungen den Handel zunächst lieber untereinander fördern. "Unsere größte Herausforderung heute ist die Vertiefung der wirtschaftlichen Integration. Warum? Zwei Wörter: Indien und China", bemerkte der neugewählte Präsident Indonesiens, Susilo Bambang Yudhoyono, am Vorabend des Gipfeltreffens in Laos. Yudhoyono brachte damit die Sorgen vieler Südostasiaten vor einem Übergewicht Chinas und eventuell auch Indiens in der Region zum Ausdruck. Dem stimmte auch der malaysische Regierungschef Abdullah Ahmad Badawi zu, für den die Integration von ASEAN erste, und die Beziehungen zu anderen Handelspartnern nur zweite Priorität besitzen. Doch am Ende unterzeichneten auch Yudhoyono und Badawi das Abkommen mit China. Nicht nur zum Freihandel, auch zu China gibt es für Südostasien derzeit keine Alternative.