Als Innenminister ist David Blunkett eine der wichtigsten Figuren der Regierung Blair. Eben ein britischer Schily, der hart umspringt mit Terroristen, Kriminellen und anderen Sündern, ein Politiker, der bislang äußerst wirkungsvoll die rechte Flanke der Regierung sicherte und ohne den Labour ein dritter Wahlsieg weitaus schwerer fallen dürfte. Nun muss Tony Blair um ein Mitglied seines Kabinetts bangen, das ihm loyal verbunden ist und gelegentlich auch schon als möglicher Nachfolger des Premiers gehandelt wurde. Denn der blinde Minister kämpft um sein politisches Überleben.

Zum Verhängnis zu werden droht dem 57-Jährigen eine amerikanische Femme Fatale. Drei Jahre lang konnte David Blunkett von neuem Liebesglück träumen. Im Jahr 2001 begann seine Affäre mit Kimberley Fortier, die politisch von einem völlig anderen Planeten stammt als Blunkett, dem Proletariersprössling aus der englischen Industriestadt Sheffield. Kimberley Fortier ist Verlegerin des „Spectator“, eines spritzigen, rechten Wochenmagazins, dessen Chefredakteur Boris Johnson, konservativer Abgeordneter im Unterhaus, gerade erst eine Kampagne für das „impeachment“, die Amtsenthebung Tony Blairs wegen des Irakkrieges eindringlich unterstützt.

Die Beziehung zwischen Verlegerin und Innenminister begann zwei Monate nachdem sie den 60 Jahre alten Stephen Quinn, Verleger der britischen Vogue, geheiratet hatte. Quinn, wie Blunkett Vater von drei erwachsenen Söhnen, ließ seiner Angetrauten zuliebe seine Sterilisierung wieder rückgängig machen. So dringend war ihr Wunsch nach eigenen Kindern. Vor knapp zwei Jahren gebar sie ein Kind, mit einem weiteren geht sie schwanger. Doch wer ist der Vater? Innenminister David Blunkett, dem Kimberley Fortier vor ein paar Monaten den Laufpass gab, behauptet, er sei es in beiden Fällen. Blunkett pocht auf DNA-Tests, die er notfalls mit Hilfe des Gerichtes erzwingen will. Die gesetzliche Grundlage dafür geht pikanterweise auf seine Inititative zurück. Doch sollen private Tests David Blunkett bereits als Vater ihres Sohnes bestätigt haben. Was wiederum von seiner früheren Geliebten entschieden verneint wird.

Nun ist ein bitterer Konflikt entbrannt, in dem „Freunde“ die Medien mit saftigen Details versorgen. Seit dem Wochenende sieht es sehr danach aus, als wolle Kimberley Fortier den Innenminister, der von ihr nicht lassen kann, politisch erledigen. Er habe, um ihr zu helfen, sein Amt missbraucht, etwa bei der Beschaffung eines Visums für ihr philippinisches Kindermädchen. Träfe dieser Vorwurf zu, müsste Blunkett unverzüglich zurücktreten. Doch der Innenminister bestreitet das energisch und setzte eine unabhängige Untersuchung an. Noch vor Weihnachten soll ihr Urteil vorliegen. Die Presse aber förderte bereits zwei Briefe zu Tage, die Blunkett ins schiefe Licht rücken könnten, es sei denn, es fände sich eine harmlose Erklärung dafür. Das philippinische Kindermädchen hatte im Jahre 2003 zunächst einen Brief vom Innenministerium erhalten, in dem auf ihren Visumsantrag geantwortet wurde. Sie müsse sich vor einer Entscheidung auf eine Wartezeit von bis zu 12 Monaten einstellen, hieß es. Nicht einmal drei Wochen später wurde ihr die erfreuliche Mitteilung gemacht, ihr Antrag sei mit sofortiger Wirkung positiv entschieden worden.
Glücklicher Zufall in einem bürokratischen Prozess, vorauseilendes Gehorsam der Beamten, die von Blunketts Interesse an diesem Fall wussten oder gar direkte Intervention des Ministers? Die Antwort steht noch aus, aber offenbar trifft tatsächlich ersteres zu, denn Visaanträge werden durchaus mal erst pauschal abgelehnt, um dann unvermittelt doch noch genehmigt zu werden. Aber der Schatten des Verdachtes lastet weiterhin auf dem Minister.
Erinnerungen werden wach an den zweiten erzwungenen Rücktritt von Peter Mandelson, dem Blair-Vertrauten und heutigen EU-Kommissar, der nur über den Verdacht zu Fall gekommen war, in die Visaanträge zweier indischer Multimillionäre verwickelt gewesen zu sein.

Von den Medien wurde Blunkett erstaunlich wohlwollend behandelt: die beinah tragische Figur eines Politikers, der in doppelter Einsamkeit lebt, blind von Geburt an und seit seiner Scheidung 1990 ohne die Wärme einer Beziehung, die er mit Kimberley Fortier gefunden zu haben glaubte. Zur dunklen Gestalt dieses Dramas mutierte eindeutig seine frühere Geliebte, die nun wieder den Nachnahmen ihres gehörnten Ehemanns Stephen Quinn trägt, der ihr offenkundig verziehen hat. Kimberley Quinn wird als rücksichtslose, ambitiöse „Aufsteigerin“ vorgestellt, die stets umgeben sei von Verehrern und die „nicht der Körper, sondern der Geist mächtiger Männer“ reize, behaupten böse Zungen. Doch klingt in den britischen Medien zuletzt immer spürbarer auch Befremden an über die Besessenheit, die Blunkett an den Tag legt. Ein Politiker mit der Verantwortung, das Land vor Terroristen, Kriminellen und anderen Bösewichtern zu schützen hat, darf nicht den fatalen Eindruck erwecken, er ließe sich von Emotionen hinwegreißen.

Den Konservativen ist nicht zu verdenken, dass sie insgeheim mit der Ungerechtigkeit der Welt hadern. Michael Howard, der heute die Tories führt, wäre vor zehn Jahren als Innenminister erledigt gewesen, wäre er in eine ähnliche Situation geraten. Damals, zu den Zeiten der letzten konservativen Regierung unter John Major, musste ein Minister nach dem anderen seinen Hut nehmen, nachdem die privaten Fehltritte von der Presse genüsslich-empört enthüllt worden waren. Labourpolitikern kommt das Fehlen des „Heucheleifaktors zu Gute. Die Regierung Blair hat von Beginn an konsequent auf Moralpredigten wie „back to basics“ verzichtet. Auch sind die Sitten im einst so zugeknöpften Königreich erheblich lockerer geworden.

Doch gefährlich ist es auch heute noch, wenn sich Privatsphäre und Politik überlappen. Selbst wenn es ich um scheinbare Lappalien handelt – Blunkett hatte seiner Geliebten einmal zwei Eisenbahnfahrkarten erster Klasse überlassen für den Besuch in Sheffield. Die sind nach strengen parlamentarischen Regeln nur für Ehefrauen bestimmt. Weshalb sich der Innenminister jetzt förmlich entschuldigt und 180 Pfund zurückerstattet hat.
Blunkett kämpft nach eigenem Bekunden um das Recht seiner Vaterschaft. Doch sein obsessives Verhalten, das an jenes der Mitglieder der militanten Vaterrechtler von „Fathers 4 Justice“ erinnert, legt den Verdacht nahe, es trieben ihn auch weniger noble Motive, etwa der Wunsch nach Vergeltung. Selbst wenn sich Blunkett nicht eines Missbrauches seines Amtes schuldig gemacht haben sollte, geht er politisch angeschlagen aus der traurigen Geschichte hervor.