Den zweiten dicken Pulli hätte ich mir sparen können. Die wollig-eingemoppelten Weihnachtsmarktgänger, die sich rechts, links, vor, hinter und manchmal auch auf mir durch die Stadt schaukelten, wärmen besser als jeder gefälschte Pelzmantel. Samstagabend auf dem Weihnachtsmarkt, was hatte ich erwartet? Aber schließlich sollte dieses Fest ja Nähe vermitteln. "Geben Sie Acht, Taschendiebe sind unterwegs!", schallt es über die Lautsprecher. Pffh, die hatten wohl noch gar nichts von vorweihnachtlicher Andacht gehört. Der Verkäufer des Ladens neben mir schaut ängstlich um sich. Kein Wunder, schließlich ist er mit seiner Ware aus braunen, schwarzen und tiefroten Taschen besonders gefährdet. Schon sehe ich einen böswilligen Taschendieb auf den Stand zuschleichen, er späht seine Beute aus, streckt die Hand aus - und dem Verkäufer eine 20-Euro-Note hin. Hm, da habe ich mich wohl geirrt. Vor einem Geschäft ist eine riesige Modellkirmes mit Leipziger Weihnachtsmarktkulisse aufgebaut. Kleine Kinder drängeln sich davor und zeigen sich gegenseitig ihre neuesten Entdeckungen. Meine Begleitung ist leider weniger sensibel und beschwert sich, dass die Miniaturbesucher mitten im Winter kurze Hosen anhaben. "Das ist ja vollkommen unrealistisch." Ich will ihm schon sagen, dass man als Realist ohnehin nichts auf dem Weihnachtsmarkt zu suchen hat, da entdecke ich etwas, das meine Aufmerksamkeit fesselt. Ein kleines Miniatur-Toilettenschild mit Pfeil. Ich folge dem Kirmesmodell in Richtung des Pfeils, stoße auf ein neues Schild und setze meine Suche fieberhaft fort. Und komme am Ende an. Ich sehe noch einmal genau nach, aber nein: Keine Toilette weit und breit. Ich fühle mich um ein Versprechen betrogen, doch ich werde weiter gezogen, entlang an einem Geschäft, das eine Mischung aus Schokoladenfrüchten und Lederwaren anbietet (beides immerhin organisch), hin zum Mittelaltermarkt auf dem Naschmarkt. Dort erstehen wir mittelalten Döner, pardon, Hanffladen. Ich werfe der Goethestatur, die über diesen Platz wacht, einen entschuldigenden Blick zu, als die Hälfte der Sauce sich durch das Brot saugt und mit einem Freiheits-"Platsch" auf den Boden klatscht. Dazu Glühwein. Eine wunderbar süße Welle dieses Getränks verwandelt das Eis zwischen Mund und Magen in wohligwarme Seeligkeit. Nun auf den großen Marktplatz vor dem Alten Rathaus. Der war bis vor kurzem noch eine riesige Baustelle und wurde gerade noch rechtzeitig für den Weihnachtsmarkt freigeräumt. Gut so, sonst hätte es vielleicht wieder Montagsdemos gegeben. Während ich mich durch die Reihen schiebe, bleibe ich an jedem Stand stehen, an dem erzgebirgische Kunst feilgeboten wird. Wir hatten nämlich vor langer Zeit einmal zwei süße, dicke Engelskerzenständer, die schließlich das Zeitliche segneten. Doch jedes Mal erneut eine kleine Enttäuschung: Heutzutage werden selbst die Engel auf Diät gesetzt und sind gertenschlank und gar nicht mehr süß. Oh, ich habe das Tannengrün vergessen! Der Stand hat aber schon zu. Ich überlege kurz, ob ich einfach bei einem der mit Grün geschmückten Buden etwas stibitze, aber das ist sicher festgetackert. Auf den Augustusplatz hat man die christlichen Relikte abgeschoben. Dort kann man neben Krippenfiguren und alten Tongefäßen auch Parfüm aus dem 1. Jahrhundert erstehen. Entsprechend muffig riecht es auch. Ich schaue mich um nach einem Knochen von einem Schaf von einem der Hirten, die bei der Verkündigung des Engels dabei waren, aber den gibt es nicht. Ich habe eine Marktlücke entdeckt! Und am Ende noch ein Abstecher zum Märchenmarkt für Kinder. Obwohl man das "Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!" eigentlich nur richtig verinnerlichen kann, wenn man ein dreistündiges Seminar direkt neben diesem Teil des Weihnachtsmarktes hat. Ich lasse mich zu einer Fahrt in einem Karussell überreden, in das auch Erwachsene ohne blaue Flecken hineinpassen. Als es beginnt sich zu drehen und der Glühwein im Bauch im Takt gluckert, da erschließt sich mir der Geist der Weihnacht (-smärkte)!  

Nina May