Sperrung des Luftraums über dem Parliament Hill in Ottawa, Flugverbot für die Zeit der Landung von „Air Force One“ und Straßensperrungen im Stadtzentrum – Kanada hat hohen Besuch. Zum ersten Mal seit zehn Jahren reist am Dienstag wieder ein US-amerikanischer Präsident gen Norden. Und George W. Bush bleibt nicht lange: Zwei Tage will er seinen Nachbarn widmen; geplant sind für diese Zeit ein Treffen mit dem kanadischen Premierminister Paul Martin und ein Besuch im nördlich gelegenen Halifax, wo sich Bush bei den Menschen für ihre Hilfsbereitschaft am 11. September 2001 bedanken will. Tausende von US-Bürgern hatten derzeit umgeleiteten Passagieren Unterschlupf gewährt.

Im Vordergrund des Besuches stehen jedoch vor allem die Verbesserung der nachbarschaftlichen Beziehungen. In vielen Punkten hatte sich Kanada in der Vergangenheit von den Vereinigten Staaten um Abgrenzung bemüht. Den Irak-Krieg hatte es ebenso abgelehnt wie die unilaterale Außenpolitik von George W. Bush. Auch am geplanten Raketenschutzschild schieden sich bisher die Geister. Zukünftig wünschen sich die Vereinigten Staaten vor allem ein verstärktes Engagement bei der Friedenssicherung in Afghanistan und bei der Ausrichtung der Wahlen im Irak, wovon letzteres sehr wahrscheinlich auch eintreten wird. Die Regierung in Ottawa stehe dazu in Verhandlungen mit den USA, der irakischen Übergangsregierung und den UN, meldete die Nachrichtenagentur dpa.

Was den Handel betrifft, sind vor allem die Kanadier auf ein reibungsloses nachbarschaftliches Verhältnis angewiesen, gehen doch 85 Prozent der kanadischen Exporte über die längste ungeschützte Grenze der Welt in die Vereinigten Staaten. Im Wesentlichen werden sich Bush und Martin über die Höhe amerikanischer Zölle für Weichholz sowie um die Abschottung der amerikanischen Grenzen gegenüber dem kanadischen Rind unterhalten. Kanadische Rinderzüchter haben laut Experten seit der Grenzschließung im Mai 2003 durch den ausgebliebenen Export umgerechnet gut drei Milliarden Euro verloren.

Kein Wunder also, dass George W. Bush kein allzu gern gesehener Gast in Kanada ist. Protestgruppen aus verschiedensten Lagern haben sich zusammengeschlossen, um landesweit gegen die Visite, die offiziell als Arbeitsbesuch deklariert wird, zu protestieren. Eine der Gruppen, die „Lawers Against the War“ (LAW) fordern den Widerruf der offiziellen Einladung: „LAW ist der Meinung, dass Bush in Kanada lieber vor ein Gericht gestellt als als offizieller Gast behandelt zu werden“, sagt Aktivistin Amy Bartholomew. Bush habe auf der Grundlage des kanadischen Einwanderungsgesetzes kein Recht, das Land zu betreten, da er grobe Menschenrechtsverletzungen zu verantworten habe.

Berichten von CNN zufolge, ist mit etwa 15.000 Demonstranten allein in Ottawa zu rechnen. Die Polizei sagte, sie werde die Rechte der Protestler tolerieren, sei aber bereit, gegen eventuelle Ausschreitungen vorzugehen. Allerdings wird es den Demonstranten aufgrund der weiträumigen Absperrungen ohnehin schwer fallen, ihren Protest an die Ohren des US-Präsidenten zu bringen. Auch im Regierungslager wurden Vorkehrungen für ein friedliches Klima getroffen: Bereits vor zwei Wochen warf Premier Martin die schärfste Bush-Kritikerin der liberalen Partei, Carolyn Parrish, aus der Fraktion. Zwar verliert er damit eine weitere Stimme, aber die Attacken der Abgeordneten gegen George W. Bush widersprachen Martins Devise des höflichen Umgangs mit den Nachbarn in einer Art, dass er sich für diese drastische Maßnahme entschloss.

Bushs Team hingegen fällte ebenfalls eine bedeutsame Entscheidung: Um eventuellen Diskussionen mit USA-Gegnern auszuweichen, strichen sie die Rede von Präsident Bush vor dem kanadischen Parlament. Für Kritiker ist der Besuch in Halifax ein Ablenkungsmanöver: Politische Differenzen sollen mit dem Gut-Wetter-Faktor übertüncht werden. Ob diese Strategie aufgeht? Die Kanadier zumindest scheinen eher zum Protest als zur Versöhnung zu tendieren. Vielleicht kann ein erfolgreiches Gespräch zwischen den Staatsoberhäuptern zu einer Verbesserung der allgemeinen Stimmung beitragen.
( Corinna Kühn, ZEIT.de )