Die wunderbare Nachricht aus Kiew ist: Die Freiheitsbewegung von 1989 lebt weiter. Selbstbewusste Bürger und Anhänger des prowestlichen Ex-Premiers Wiktor Juschtschenko ziehen auf die Straße: für faire Wahlen, für eine legitime Regierung, für eine Demokratie, die den Namen verdient. Die Demonstrationen wirken wie ein Aufheller gegen die westliche Depression nach dem 11. September. Seit den Anschlägen von New York versucht sich der Westen daran, Diktaturen wie Afghanistan und Irak militärisch zu befreien und von oben zu demokratisieren. Doch zwischen gereiztem Stillhalten in Kabul und offenem Krieg in Bagdad kann keine Demokratie gedeihen. Hunderttausende Demonstranten in der Ukraine führen das erfreuliche Gegenbeispiel vor: Demokratisierung von innen und von unten.

Ausgerechnet die Ukraine musste die Europäer aufrütteln. Dieses Land nahm sich in der Sicht vieler Westeuropäer eher wie eine Zweigstelle der Moskauer Machtagenturen aus und wurde als solche weitgehend abgeschrieben. Auch von Berlin und Brüssel. Weil Russland groß, schwer ergründlich und leicht beleidigt ist, hüteten sich die Europäer, der Ukraine Angebote zu machen, welche die Chefs in Moskau verärgern könnten. An Russland erinnerten auch die spätsowjetischen Dramen in der Ukraine von Präsident Leonid Kutschma – Oligarchenkriege und Journalistenmorde. Die Folge: Rumänien darf der EU wohl schon 2007 beitreten, die Ukraine wird noch nicht mal eines Assoziationsvertrags für würdig gehalten. Nun rufen die Demonstranten nach Europa – und bringen die EU in die Zwickmühle.

Hinter den Protesten in der Ukraine tritt der längst überwunden geglaubte Gegensatz zwischen Ost und West wieder zutage. Das Missverständnis zwischen Polittechnologen, die sich Parteien backen wie Piroggen, und Realisten, die wissen, dass Demokratie – einmal entfesselt – schwer aufzuhalten ist. Die Kluft zwischen Russland und der EU bricht damit noch einmal auf. In der Ukraine zeigt sich, dass das 1991 umgestülpte Russland andere Ziele hat als die EU. Freiheit des Handelns zu gewinnen heißt für Moskau nicht, anderen Freiheit zu gewähren. Hier prallen zwei Weltanschauungen aufeinander: das autoritäre gegen das demokratische Modell, Diktat gegen Kooperation, der Großraum Eurasien gegen das kleinteilige, plurale Europa.

Eurasien: Der Zerfall der Sowjetunion erscheint heute den meisten Russen als Katastrophe. Dass die Ukrainer im 20. Jahrhundert dreimal einen eigenen Staat gründeten, sobald Moskau schwach genug war, halten viele für eine Provinz-Grille. Selbst Alexander Solschenizyn sprach der Ukraine bereits 1990 das Recht auf Selbstständigkeit ab. Wladimir Putin betreibt seit seinem Machtantritt vor fünf Jahren die Fortsetzung der Sowjetunion mit anderen Mitteln. Während der Kreml Stalins imperiale Hymne aus dem Schellack-Plattenschrank holte, kauften sich russische Konzerne in die Metall- und Energieindustrie der Ukraine ein. Vor einem Jahr schmiedeten Russland, die Ukraine, Weißrussland und Kasachstan in Jalta eine Wirtschafts- und Zollgemeinschaft.

Entscheidend für die Eurasische Union ist jedoch die Angleichung der Systeme. In diesem Jahr fanden in allen vier Staaten Präsidentenwahlen statt, in Russland, in Kasachstan, schließlich ein Referendum über die Amtszeit des Präsidenten in Belarus und nun die Wahlen in der Ukraine. Voraus ging den frisierten Abstimmungen die Gleichschaltung der Medien und die präventive Ausschaltung der Opposition. Die ersten Anzeichen von Zivilgesellschaft wurden im Keim erstickt.

So wollen sich die Eliten dieser Staaten die Macht für die nächsten Jahrzehnte reservieren. Man kennt sich. Trotz des Sowjetkollapses 1991 gab es in den meisten Einzelstaaten keinen Machtwechsel. Was die herrschenden Clans austauschten, waren Sozialismus gegen Staatskapitalismus, Zentralkomitees gegen Präsidialkabinette, zementgraue Doppelreiher aus dem Textilkombinat Iwanowo gegen nachtblaue Cool-Wool-Anzüge von Ermenegildo Zegna. Im neuen Gewand soll Eurasien als Block östlich der EU erstehen.

Genau in diesem Moment schert die Ukraine aus. Man muss sich das Entsetzen in Moskau vorstellen: Die Ukrainer demonstrieren gegen den von Regierung und Behörden vorgesehenen Präsidenten. Sie bezweifeln das amtlich gebürstete Endergebnis der präsidial geprüften Wahlkommission. In der Ukraine droht ein Debakel wie in der georgischen Rosenrevolution vor einem Jahr. Deshalb reisen nun Ukraine-Kenner wie der Moskauer Bürgermeister Lushkow ("Sewastopol ist russisch!") in den Osten des Landes, um dort das für den Kreml brauchbare Zerrbild von der gespaltenen Ukraine und der gescheiterten Nation zu verbreiten. Dabei harren Juschtschenkos Anhänger auch in den Städten des Ostens auf den Straßen aus. Die arrangierten Spaltungsszenen sollen sie und die EU abschrecken.