Mit jedem Cent, den der Euro gegenüber dem Dollar zulegt, werden die Rufe nach Interventionen am Devisenmarkt lauter. Egal, welcher ökonomischen Denkschule sie auch angehören, bei dieser Forderung sind sich die Ökonomen hierzulande erstaunlich einig. Doch eine solche künstliche Stabilisierung des Dollar-Kurses wäre die falsche Therapie. Eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) wäre weitaus klüger und effektiver.

Denn so könnte die EZB drei Probleme gleichzeitig und auch längerfristig lösen. Eine Zinssenkung könnte, erstens, helfen, das ausufernde US-Leistungsbilanzdefizit zu reduzieren. Sie würde, zweitens, Investitionen und Konsum in Europa ankurbeln, und sie hätte drittens zur Folge, dass sich neben dem Dollar erstmals in der Nachkriegsgeschichte eine gleich starke Währung etabliert.

Dass das enorm hohe amerikanische Leistungsbilanzdefizit die Stabilität der Weltwirtschaft zunehmend gefährdet, darin sind sich die Ökonomen einig.

Die Amerikaner geben pro Arbeitstag rund 2,6 Milliarden Dollar mehr aus, als sie selbst erwirtschaften. Deshalb importieren sie Güter und Kapital, um diesen Lebensstil zu finanzieren. Die amerikanische Nachfrage führt in Ländern wie China, Japan und natürlich Deutschland zu enormen Exportüberschüssen. Diese Abhängigkeiten haben in den vergangenen Jahren kaum jemanden gestört.

Doch die rasante Ausweitung des Defizits beunruhigt zunehmend die Investoren. Immer lauter wird die Frage gestellt, wie lange der Rest der Welt noch bereit ist, das US-Defizit zu finanzieren. Und wann aus der Verschuldung möglicherweise eine Überschuldung wird.

Das sind Alarmsignale für die internationalen Finanzmärkte. Deshalb muss es das übergeordnete wirtschaftspolitische Ziel sein, das Rekorddefizit von derzeit sechs Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts zu halbieren – ohne dabei die Weltwirtschaft in die Rezession zu stoßen und ohne einen Dollar-Crash zu provozieren.

Das aber kann nur über zwei Wege gelingen: Die weitere Abwertung des Dollar und ein langsameres Wachstum Amerikas im Vergleich zum Rest der Welt. Je stärker der Dollar abwertet, desto attraktiver werden amerikanische Güter und desto teurer ausländische Waren. Dadurch reduziert sich das Handelsbilanzdefizit, das die Hauptursache für das Leistungsbilanzdefizit darstellt. Ein langsameres Wachstum in Amerika dämpft zudem automatisch die Nachfrage nach ausländischen Gütern. Interventionen zum jetzigen Zeitpunkt aber würden genau diesen Anpassungsmechanismus stören und den gegenwärtigen Zustand fortschreiben.

Auch auf den Kapitalmärkten würde eine Intervention der EZB die notwendige Anpassung verhindern. Damit private Investoren Amerika weiterhin Kredit gewähren, müssen die US-Zinsen steigen. Nur so werden sie für das hohe Wechselkursrisiko entschädigt. Nur so werden die Anreize zu weniger Konsum und mehr Sparen in Amerika richtig gesetzt. Steigende Zinsen aber dämpfen gleichzeitig das amerikanische Wachstum und laden so einen Teil der Anpassungskosten den Amerikanern selbst auf. Interventionen dagegen sind bedingungslose Kreditgewährungen, ganz gleich zu welchem Zins, und bürden die Kosten den anderen auf.