In einem kargen Raum auf der vierten Etage der Hamburger Arbeitsagentur hocken zehn Jugendliche hinter Computern und starren auf die Bildschirme. Über einen Kopfhörer bekommen sie Aufgaben gestellt: "Ergänzen Sie folgende Zahlenreihe", fordert der Computer: "1, 2, 4, 8, 16, 32." Oder: "Vier Arbeiter benötigen sechs Stunden, um ein Haus anzustreichen. Wie lange würden drei Arbeiter brauchen?" Auch räumliches Denken wird geprüft. Auf dem Bildschirm erscheint ein dreidimensionales Haus, dazu die Frage: "Wie viele Flächen hat dieses Haus?" Bis zu fünf Stunden dauert der Test.

Kompetenzcheck heißt die Prüfung, der sich Tausende Jugendliche in diesen Wochen unterziehen. Sie sind zum Test geschickt worden, weil sie zum regulären Start des Ausbildungsjahres am 30. September noch keine Lehrstelle hatten und weil sie als Problemfälle gelten. Ihre Zeugnisse sind eher schlecht, viele wurden von ihrem Berufsberater als schwer vermittelbar eingestuft. Mit dem Test soll nun geprüft werden, ob die Jugendlichen überhaupt reif sind für eine Ausbildung. Reicht ihr Können, um auf dem hart umkämpften Ausbildungsmarkt bestehen zu können? Und wenn ja, welcher Beruf ist zu empfehlen? Etwas Handwerkliches oder ein Bürojob? "Berufsberater und Betriebe müssen heute mehr wissen, als die Zeugnisse aussagen", sagt Günther Lambertz, Bildungsexperte des Deutschen Industrie und Handelskammertags (DIHK).

Auch für die Jugendlichen können die Ergebnisse hilfreich sein, um gezielter nach einer passenden Ausbildung zu suchen – und zugleich könnte die Massenuntersuchung etwas Licht in die Ursachen der Lehrstellenmisere bringen. Stimmt die häufig von Betrieben und Kammern erhobene Klage, dass viele Schulabgänger zu wenig Deutsch und Mathe können, um auf eine Ausbildungsstelle zu passen?

Die ersten Auswertungen erscheinen erschreckend: Nur etwa die Hälfte der Teilnehmer wird als voll ausbildungsfähig eingestuft. Rund 40 Prozent der Prüflinge wird von ihrem Arbeitsamtsberater empfohlen, erst einmal ein Praktikum zu absolvieren, der Rest soll an einer anderen berufsvorbereitenden Maßnahme teilnehmen. Rund 15000 Jugendliche haben bundesweit bisher die Prüfung absolviert. Doch das entspricht nur etwa 3 Prozent des Ausbildungsjahrgangs. Sind es also nur die absoluten Härtefälle, die bei dem Kompetenzcheck landen und sich dann als wenig ausbildungsgeeignet erweisen?

"So richtig weiß ich nicht, warum ich eigentlich hier bin"

Sebastian, 17 Jahre alt, hat bereits zwei Stunden vor dem Bildschirm gesessen, jetzt darf er eine Pause machen. "Schwer ist das nicht", sagt er, "aber ganz schön anstrengend." Die Fragen zur Rechtschreibung hätten ihm keine Probleme bereitet, nur bei den Rechenaufgaben sei es schwieriger geworden. Sebastian absolvierte die Realschule – Notendurchschnitt 3,1 – und möchte jetzt "irgendwas mit Autos" machen. Mit dem Ausbildungsplatz hat es aber bei ihm bislang genauso wenig geklappt wie bei Ross Mary, 19 Jahre: "So richtig weiß ich nicht, warum ich eigentlich hier bin. Ich glaube nicht, dass mir das viel bringt." Bürokauffrau wolle sie werden, über 30Bewerbungen habe sie geschrieben. Alle seien zurückgekommen. "Ich glaube, es liegt an den Fehlzeiten", sagt Ross Mary, "ich habe zuletzt viel gefeiert, war mit Freundinnen unterwegs, kaum noch in der Schule".

Mit solchen Jugendlichen hat Jörg Conrady vom psychologischen Dienst der Hamburger Arbeitsagentur seit zehn Jahren zu tun. Doch seine Einschätzung gilt nicht nur für diese ohnehin schwer zu vermittelnden Jugendlichen: "Wenn ich mich mit Kollegen unterhalte, die das noch länger machen, ist das Urteil ziemlich klar: Heute haben immer mehr Jugendliche Probleme mit den grundlegenden Kulturtechniken." Lesen, Schreiben, Rechnen – die Defizite wachsen. Und gleichzeitig steigen die Anforderungen: Der Kompetenzcheck sei sinnvoll, sagt Conrady, weil Jugendliche unterschätzten, welch intellektuelle Fähigkeiten mittlerweile in vielen Berufen gefordert seien. "Der Kfz-Mechatroniker von heute ist nicht mehr der Autoschrauber von damals." In der Hamburger Arbeitsagentur wird daher schon überlegt, den Kompetenzcheck vom kommenden Jahr an auszuweiten.

Die Initiative für den Massentest kommt von den Partnern des so genannten Ausbildungspaktes, also von der Regierung, den Kammern und Arbeitsagenturen. Mit dem Pakt wurde die von der Wirtschaft ungeliebte Ausbildungsabgabe in letzter Minute gestoppt, und in einigen Monaten, im Februar, wollen die Paktpartner für das aktuelle Ausbildungsjahr endgültig Bilanz ziehen. Hinter den Kulissen wird viel dafür getan, dass der Pakt ein Erfolg wird, denn beide Seiten – Politik und Wirtschaft – haben ein Interesse daran. Die Wirtschaftsverbände fürchten eine erneute Diskussion um die Ausbildungsplatzabgabe, und ihr Werben in den eigenen Reihen hat immerhin dazu geführt, dass Handels- und Handwerkskammern in diesem Jahr tatsächlich zusätzliche Lehrstellen vorweisen können. Auf der anderen Seite kann die rot-grüne Regierung vieles gebrauchen, aber bloß keine neue Debatte über staatlichen Dirigismus.