Diesmal wollte er nichts dem Zufall überlassen. Ulrich Schatka ist persönlich von Klasse zu Klasse gezogen und hat den Schülern vor dem Test eingeschärft: Es geht um die Zukunft. Es geht um den Ruf Bremens. Strengt euch an. Bei der ersten Pisa-Runde im Jahr 2000 haben weder Schüler noch Lehrer den Test richtig ernst genommen, erinnert sich der Direktor des Bremer Schulzentrums Rockwinkel. Bei der neuen Untersuchung sollte das nicht wieder vorkommen. Dazu ist die Sache zu wichtig.

Die neue Anstrengungsbereitschaft in Bremen wie anderswo scheint Früchte getragen zu haben. Ganz kleine zumindest. Stimmen die Vorabmeldungen, dann haben die deutschen Schüler ihre Ergebnisse beim Pisa-Test leicht verbessert – und sind doch noch weit von der internationalen Spitze entfernt. Befinden sich unsere Schulen auf dem rechten Weg der Erneuerung? Oder zeigen die neuen Pisa-Resultate, wie halbherzig, sparsam und unausgegoren die Politik auf die Bildungskatastrophe reagiert hat?

Noch bevor die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die ersten Zahlen veröffentlicht hat, entbrennt der Streit um die Schulpolitik erneut. Vom Kindergarten bis zum Abitur sind wir dabei, alles zu erneuern, sagen die Kultusminister. Das sei nur purer Aktionismus, um sich vor den wirklichen Reformen zu drücken, schimpfen Kritiker wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). So müsse die sozial ungerechte frühe Trennung der Schüler ein Ende haben. Recht haben beide – zumindest aus ihrer Sicht. Jedes Kultusministerium kann eine lange Liste mit laufenden Reformen präsentieren. Die Schulen verändert haben bislang nur wenige. Das zeigen auch die Beispiele Bayern und Bremen, Spitzenreiter und Verlierer im deutschen Pisa-Vergleich.

Auf der Suche nach der Formel des Schattens des Baumes

Der Mathematikunterricht im Bremer Schulzentrum Rockwinkel ist so ein Fall von Veränderung. Wie misst man mit einem Maßband die Höhe eines Baumes, der einen Schatten wirft?, heißt die Frage des Tages. 26 Neuntklässler sitzen in kleinen Gruppen über Karteikärtchen gebeugt und diskutieren die Aufgabe. Während einige schon nach wenigen Minuten mit Rechenformeln hantieren, versuchen andere ("Was ist eigentlich ein Maßband?") noch, das Problem zu verstehen. Am Ende der Stunde können fast alle die Lösung präsentieren – auch deshalb, weil die Schüler je nach Leistungsstärke unterschiedliche Hilfen auf den Karteikarten bekommen haben. In einer der nächsten Stunden werden die Schüler auf dem Schulhof mit Zollstock und Peilstab rechnen.

Haben deutsche Schüler – wie Vorabmeldungen zur Studie sagen – in Mathematik tatsächlich besser abgeschnitten, dann liegt es an einem Unterricht wie diesem. Realitätsbezogene Aufgaben statt schematischen Rechnens, individuelles Lernen statt Formelpauken im Gleichschritt: Für einen solchen reformierten Mathematikunterricht steht die Abkürzung Sinus (Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts). Mit einigen hundert Lehrern ist das bundesweite Fortbildungsprogramm gestartet, nach dem Pisa-Schock verzehnfachte sich die Zahl. Sinus zeigt, wie man Unterricht erfolgreich verändert und wie lange dies dauert. Seit sechs Jahren läuft das Projekt. Doch längst hat Sinus nicht die Mehrheit der Klassenzimmer erreicht.

Die Mathepädagogen des Schulzentrums Rockwinkel sind seit zwei Jahren dabei. "Die Bereitschaft der Lehrer, sich fortzubilden, ist gestiegen", sagt Ulrich Schatka. Er hat auf einem Zettel aufgelistet, was Pisa an seiner Schule in Bewegung setzte. Auf 16 Reformen und Reförmchen – von "Neue Unterrichtsmethoden" bis "Verstärkte Zusammenarbeit der Lehrer" – ist er gekommen. Neuerdings schreiben die Rockwinkel-Schüler Jahresabschlussarbeiten, die in jedem Fach den wichtigsten Lernstoff abfragen. Einige Lehrer leisten freiwillig Hausaufgabenhilfe am Nachmittag. Vom Sitzenbleiben bedrohte Schüler erhalten Extraunterricht. 24 Millionen Euro pro Jahr investiert Bremen zusätzlich in die Bildung. Eine beachtliche Summe für den armen Stadtstaat.

Auch Bayern gab sich mit dem für deutsche Verhältnisse guten Ergebnis nicht zufrieden. "Wir wollen im internationalen Vergleich diejenigen erreichen, die fünf Meter vor uns schwimmen", verkündete Kultusministerin Monika Hohlmeier. Lehrer müssen sich pro Jahr nun mindestens drei Tage lang fortbilden. Die Schulen erhalten zusätzliche Stunden, um Klassen zu teilen und in Kleingruppen schwache Schüler zu fördern. Ausgewählte Schulen erproben die Selbstständigkeit. Sie dürfen über ihre Anschaffungen autonom entscheiden oder üben jenseits des 45-Minuten-Takts neue Unterrichtsformen wie Vorlesungen oder Freiarbeit.