Als seinerzeit, nach Mauerfall und Wiedervereinigung, die besten Gründe zusammengetragen wurden, warum Bonn bald nach Berlin ziehen müsse, war an Argumenten kein Mangel. Als großes Zeichen gesamtdeutschen Entgegen-Kommens wurde der Umzug damals begrüßt. Doch auch für die vom richtigen Leben immer ein wenig abgeschottete Bonner Politszene sollte etwas abfallen: In der Metropole würde sich die deutsche Politik zwangsläufig dem wirklichen Leben aussetzen.

Bei der Vorstellung dessen, was das wirkliche Leben für die Politik bereithielt, ging es nicht nur um die existenzielle Erfahrung von Ost und West, sondern auch um eine neue Symbiose von Politik und Kultur. Typisch, dass die Zugereisten darunter offenbar kaum mehr verstanden als sporadische Philharmoniebesuche oder den guten alten Bonner Presseball - nun im Interconti.

Kein Wunder, dass sich da die Hauptstadt in einem Akt kultureller Selbstverteidigung Klaus Wowereit an die Spitze wählte. Ihm durfte man seit seinen Tagen als Tempelhofer Bildungsstadtrat zutrauen, die Metropole einmal im Sinne eines fortschrittlich erweiterten Kultubegriffs zu repräsentieren.

Der Mann übertrifft alle Erwartungen. Mit Wowi hat die Symbiose aus Politik und Showbiz ein Stadium erreicht, das man der deutschen Politik so nicht mehr zugetraut hätte. Natürlich sind es nicht die uncool gewordenen Bühnen - das Parlament oder die Pressekonferenz - auf denen er reussiert. Es sind die Promipartys, die Shows und Galaauftritte, auf denen er glänzt. Oder er lässt die Grenzen zerfließen. Entweder Amüsement pur oder Politik als Amüsement.

Aber niemals ohne! Was dabei fürs Gemeinwesen rausspringt? Gute Laune, Klatsch, manchmal sogar Stoff zum Mitdenken.

Intellektuelle Kostverächter mögen sich dabei von der Tyrannei der Intimität des Regierenden beeinträchtigt fühlen. Andere Zugereiste kommen ihm moralinsauer und finden, die gute Laune, die der Mann verbreite, passe nicht zu den Problemen der Stadt. Gegenfrage: Würde es Berlin nützen, wenn sich Wowereit - der Lage angemessen - in die Depression stürzte? Ist es da nicht besser, wir sehen dem Regierenden beim leidenschaftlichen Zungenkuss mit einem TV-Sternchen zu und fragen dann besorgt zusammen mit Bild: Wowereit noch schwul? Alles in Ordnung, beruhigt der Bürgermeister. Kürzlich wälzte er sich mit WDR-Moderator Götz Alsmann vor laufender Kamera auf dem Studioboden. Nein, keine neue Liebe. Die beiden spielten eine berühmte Filmszene nach.

Der Berliner FDP-Fraktionschef hat ihn neulich vor die Alternative gestellt: Entweder Klaus Wowereit wird ein ernsthafter Bürgermeister, oder er tritt zurück. Der Mann hat keine Ahnung. Klaus Wowereit ist ein ernsthafter Bürgermeister. Er hat sich lediglich dafür entschieden, den Problemen mit guter Stimmung beizukommen. Rücktritt? Eher stellt sich die Frage nach Aufstiegsmöglichkeiten für einen der begabtesten Entertainer in der deutschen Politik. Der Kanzler mit seinem Dackel kann sich da noch eine Scheibe abschneiden.