Es ist übrigens nicht schwer, sich Prokofjews vorindustrielles Aschenputtel in einer Küche mit Geschirrspüler vorzustellen. Die Küche müsste nur geräumig sein, damit das arme Hascherl verloren am Katzentisch der moralisch verwahrlosten Gesellschaft sitzen kann. Um seinen Kummer zu betäuben, könnte es eine halbe Flasche Absinth trinken, der Choreograf Ralf Rossa hat erst kürzlich bewiesen, dass das geht. Nicht alles, was in einem klassischen Ballett ursprünglich nicht vorkommt, ist nämlich verboten. Man muss nur bedenken, dass mit einem besoffenen Aschenputtel noch nicht viel gewonnen ist.

Weil das von manchen Regisseuren gern vergessen wird, entbrennt alle Jahre wieder der altvertraute Grundsatzstreit über die Bearbeitungsbedürftigkeit der Klassiker. Werktreue!, fordern die Traditionalisten. Dekonstruktion!, die anderen. Aber, und darüber darf der jüngste, von einer Theatertagung in Darmstadt angefachte Rezensentenstreit nicht hinwegtäuschen, solche Schlachten sind ja reinste Spiegelfechtereien, die nur ihres rhetorischen Effektes wegen inszeniert werden, so ähnlich wie die Mantel-und-Degen-Szenen im Historiendrama. Wahrscheinlich verbirgt sich hinter den zugespitzten Debatten nur die Sehnsucht nach zugespitzteren Inszenierungsstilen. Denn in der Theaterpraxis kommen die beiden umstrittenen Extreme äußerst selten vor, der Regelfall ist eine Mischform, die vorsichtige und daher unschlüssige Revision, die halb rebellische, halb devote Aneignung in unklarer Absicht.

Wie schwer es ist, ein vorhandenes Stück zu seinem Vorteil zu verändern, haben jetzt zwei ausgewiesene Balletterneuerer der mittleren Generation gezeigt: Richard Wherlock, Jahrgang 1958, am Theater Basel und Ralf Rossa, Jahrgang 1958, am Opernhaus Halle. Zwar hat sich Wherlock in seiner Version des Nussknackers wie gewohnt souverän über den russischen Babuschka-Stil der originalen Choreografie hinweggesetzt und sich auch von den erfolgreichen Adaptionen George Balanchines (1954), John Crankos (1966), John Neumeiers (1971) nicht einschüchtern lassen. Seine am Modern Dance geschulten, eigentümlichen Bewegungsfolgen beschreiben die Seelenregungen der handelnden Personen so präzise, dass ein Dichter es in Worten kaum beredter formulieren könnte. An Zartheit des Ausdrucks und Schärfe des Humors, an Musikalität und Fantasie nimmt der Choreograf es mit E.T.A. Hoffmann, dem Verfasser der literarischen Vorlage, ohne weiteres auf. Aber der schrecklichen Naivität von Marius Petipas Libretto ist er nicht gewachsen.

Denn wovon erzählt Petipa: von einem lieben Kind namens Clara, das von seinem mysteriösen Paten, dem Onkel Drosselmeier, zu Weihnachten einen hässlichen Nussknacker geschenkt bekommt, der - wie könnte es anders sein! - ein verwunschener Prinz ist und nur durch die Liebe erlöst werden kann. Dass Wherlock auf das triumphale Hochzeitsfinale im Zuckerfeenreich verzichtet und auch sonst vermeidet, die Süßigkeit dieser Puppenstubengeschichte voll auszukosten, darin besteht seine Stärke. Aber seine Schwäche ist, dass er das Kindische des Stoffes sowie die onkelhafte Dramaturgie akzeptiert. Wherlock zollt dem Nussknacker einen Respekt, den dieser nicht verdient, denn das Stück ist ja durchaus kein Klassiker, wie etwa die Dramen Shakespeares oder Schillers es sind.

Das Märchenballett an sich ist romantizistische Unterhaltungskunst, weil es den kleinen Menschen mit seinen hinterwäldlerischen Sorgen nicht in große gesellschaftliche Zusammenhänge einbindet. Die Darstellung des Großen aber macht ja erst die Kunstwürdigkeit des Kleinen aus, und Clärchens beachtlicher Charakter kann letztlich doch nicht zur Entfaltung kommen, weil er in einen Weihnachtszauberschwank eingesperrt bleibt. Sie daraus zu befreien wäre die Chance des zeitgenössischen Choreografen, eine Chance, wie sie der Regisseur einer Shakespeare-Tragödie nicht hat. Der große Charakter hat einen weiten Horizont, man muss ihn aber auch auf einen Gipfel stellen. Claras Unglück ist, dass sie aus dem Kinderzimmer nicht hinauskommt, allenfalls im Traum.

Wie Goethes Faust unternimmt sie zwar eine Weltreise, und der schwarz befrackte Onkel Drosselmeier als ihr Reiseleiter erinnert in seinem verführerischen Gebaren sehr an Mephisto. Doch beide Figuren müssen sich am Ende dem Regiment der Eltern Stahlbaum beugen, werden als Subjekte des Geschehens demontiert und zurück unter den Tannenbaum versetzt.

Das Erbe muss nicht nur gepflegt, es muss gelegentlich auch geheilt werden