Kürzen? Eigentlich hassen das alle Kreativen. Schade um die schönen Stellen! Peter Eötvös stellt sich da nicht so an. Er hat freiwillig gekürzt, damit sein Publikum nicht ermüdet. "Da habe ich etwas rausgenommen", sagt er, und seine Hände erheben sich um zwei Millimeter von der Tischplatte, im Abstand von dreißig Zentimetern, und die Zeigefinger und Mittelfinger formen Scheren und schneiden aus einer imaginären Partitur sanft und schnell ein Stück heraus, dessen Ausdehnung man förmlich vor sich sieht. Die Geste währt wenige Sekunden und geschieht wie von selbst. Eötvös’ Hände begleiten sein Reden oft so dezent und präzise, fein und wirksam. Mit diesen beredten Händen ist der Komponist auch als Dirigent höchst erfolgreich. Sein jüngstes Werk hat er selbst einstudiert. Die zweiaktige Oper Angels in America nach Tony Kushners Aids-Drama wurde jetzt im Pariser Châtelet uraufgeführt.

Am Tag danach sitzt der 60-Jährige, dessen Palestrina-Bart entfernt an seinen Kollegen aus der Renaissance erinnert, im dritten Stock seines Appartements, bietet Schokolade an und wirkt so gelassen, als mache er Urlaub an der Seine. Das ist also der Entgrenzer aus Transsylvanien, der Mann zwischen allen Stilen, der regelmäßig die Fachleute durcheinander bringt. Vor sechs Jahren hat er mit seiner Oper Drei Schwestern nach Tschechow einen Durchbruch erzielt, wie er mit solchem Erfolg komplexen Partituren kaum je vergönnt ist. Den Avantgardezirkeln war er schon vorher ein Begriff, den europäischen Rundfunkorchestern (einschließlich der BBC) ebenso, nun aber entdeckte auch größeres Publikum einen Künstler, der ein erkennbares Image geradezu flieht. Ständig ändert er seinen Stil, seine Sprache – genaues Gegenteil des einsamen und subjektiven Schöpfers, der seine Identität ins Werk überführt.

Dabei hätte er, der mit vierzehn Jahren als Wunderknabe schon Komposition beim greisen Kodály in Budapest studieren durfte, leicht auf diese Bahn geraten können. "Aber mit sechzehn", sagt er, "habe ich gemerkt, dass ich improvisieren kann." Wenn Peter Eötvös Bilder sah, hatte er gleich Klänge in Kopf und Fingern. Die Theaterakademie entdeckte den Jüngling und ließ ihn zu Inszenierungen und Kurzfilmen junger Regisseure an der Hammondorgel den passenden Sound improvisieren. Bald kamen die ersten Kompositionsaufträge für Filme. Und im Kino "war manches erlaubt", was in Ungarn nach dem gescheiterten Aufstand gegen die Sowjetmacht sonst unerlaubt war. Westliche Avantgarde zum Beispiel. Während an der Akademie bei Bartók Schluss war, konnte der Filmmusiker Eötvös umsetzen, was er von Boulez und Stockhausen hörte, Anregungen aus einem Giftschrank, dessen Tür nur angelehnt war.

"Die Politik war klug genug, das nicht drastisch zu verbieten." Und er war klug genug, sich nicht mit ihr anzulegen. "Ich kämpfe nicht gern", sagt er, "ich bin vorsichtig und schlau." Das entspreche seiner "Lebensauffassung": "Wenn etwas nicht so kommt, wie man dachte, kommt oft etwas Besseres raus." Und so war es auch mit dem Komponisten, der fern von seinen ehrgeizigen Kollegen ins Kino geriet und für zahlreiche neue Filme die Musik schuf. "Mein ganzes jetziges Operninteresse basiert auf dieser Zeit. Auf der Erfahrung, wie man die Atmosphäre herstellt." Und das geschieht nicht, indem man für ein hundert Jahre altes Drama wie Tschechows Drei Schwestern historische Klangkostüme aus dem Fundus oder umgekehrt Tschechow in die Gegenwart holt. Das "russische Gefühl von 1901", wie Eötvös es nennt, ist eher ein in den Tönen versteckter Tonfall, der wie ein Zeittunnel die Epochen verbindet.

Schlagzeuger bei Stockhausen, Dirigent bei Boulez

In einer Szene hört sich Irina, eine der im Provinzstädtchen versauernden drei Schwestern, das Liebesbekenntnis des angetrunkenen Baron Tusenbach an. "Mein Leben ist wie verklärt und scheint mir so schön", sagt er auf Russisch mit schwerer Zunge. "Schön?", schreckt sie zurück, "Hören Sie auf!" Hinter den beiden aber liegen schwer und schön bis zum Horizont Klänge wie aus einem neunzehnten Jahrhundert, das übers zwanzigste zu sich selbst gekommen ist. Aus dunklen Streichern wölben sich Linien von Horn und Oboe mit einem Gestus, der spätromantische Harmonien suggeriert, wo doch keine mehr sind. Eine ungreifbare Melancholie breitet sich von diesem Zwielicht her zwischen den beiden Menschen aus, auch ohne Bühne meint man sie da im Salon stehen zu sehen, auf der Schwelle zum neuen Jahrhundert, ratlos, traurig.

Und zunehmend umgibt das Orchester die beiden mit der Liebe, die sie nicht fertig bringen. Eine behutsame Musik, die nichts behauptet. "Tschechow", sagt Eötvös, "kann beschreiben mit Liebe und permanenter Hilfsbereitschaft, da sind wir verwandt." Er habe beim Komponieren mit ihm "zusammengelebt wie mit einem Familienmitglied". Bis zu dieser ersten Oper des 54-Jährigen war der Weg noch weit, als Eötvös mit 22 Jahren nach Deutschland zog, in Köln Pianist und Schlagzeuger bei Stockhausen war, im Elektronik-Studio des WDR Kabel stöpselte und dann seine Dirigentenbegabung entdeckte. Ausgerechnet er, der von Musikern für seine Bescheidenheit geschätzt wird, spricht von der "Aura", die ein Ensembleleiter vermitteln müsse. Damit meint er, "eine Welt zu schaffen, in der die Klänge ihren Platz haben". Das habe mehr mit einer Haltung zu tun als mit Schlagtechnik – Letztere hat er sich übrigens selbst beigebracht.

Für Pierre Boulez war Eötvös erste Wahl, als 1979 ein Dirigent zur Eröffnung des Pariser IRCAM gebraucht wurde, des Studios für Neue Musik, und daraus wurde eine Karriere, die kaum noch Zeit zum Komponieren ließ. Als größeres Werk entstand in den achtziger Jahren nur ein funkelndes Riesenspielzeug für Orchester, Chinese Opera genannt, "das ist gelungen und funktioniert", sagt der Komponist, als habe er ein Auto gebaut. Auf kuriose Weise bringt ihn dieses Vehikel zur Oper. Der Dirigent Kent Nagano nimmt nämlich an, Chinese Opera sei ein Bühnenstück, würde es gern aufführen und ist enttäuscht, dass es nur 20 Minuten dauert und keine Sänger erfordert. "Willst du nicht eine richtige Oper schreiben?", fragt er den Kollegen. So erhält der den Auftrag, für Lyon die Drei Schwestern zu komponieren – und die Eröffnung dieses Zeittunnels zu Tschechow im Jahre 1998 wird eine Sensation, die Eötvös’ Leben verändert.