Den besten deutschen Koch findet man ohnehin hier, in Baiersbronn nämlich, den Koch des Jahres ebenfalls, auf der Bühlerhöhe. Mit Politik hat das zunächst einmal gar nichts zu tun. Außer dass es einen kleinen Fingerzeig gibt, von welchem Winkel der Republik die Rede ist. Baden-Württemberg: Verflixt wohlhabend, idyllisch und heute noch so sagenhaft übersichtlich, wie es die alte Bundesrepublik war.

Fort mit der Mitbestimmung? Kaum hatte Michael Rogowski, der scheidende BDI-Präsident, einer aus Heidenheim, das ehrwürdige Institut "Mitbestimmung" zu einem Fehler der Geschichte erklärt, keilten zwei mächtige Stuttgarter, DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp und sein Porsche-Kollege Wendelin Wiedeking, unmissverständlich zurück: "Shut up!" Auch den neuen Boss an der Verbandsspitze Jürgen Thumann – "Ich bin Westfale. Unterschätzen Sie das nicht!" – werden sie sich gegebenfalls genauso vorknöpfen. Das ist mehr als Zufall. Könnte es sein, dass man hier noch einmal das Format der alten Bundesrepublik vor Augen hat, sozusagen als letztes Reservat? Der Südwesten als deutsches heartland?

Aber klar, sagen fast alle, mit denen man darüber spricht. Mehr noch: Bei einer Inspektionsreise in dieses Milieu stößt man auf einen spezifischen Patriotismus, der hier nicht einmal künstlich übergestülpt werden muss. "Sie erleben mich fast als glühenden Patrioten", schwärmt Hans-Peter Repnik, Parteifreund Erwin Teufels in Berlin, "aber das Land ist beim Ranking fast überall vorne, sogar in Europa, es ist einfach ein besonderer Menschenschlag."

Vor allem als eine Konsensdemokratie galt die alte Republik; Konflikte und heiliger Zorn gehörten zu diesem Konsens, richtig verstanden, hinzu. Dafür steht noch immer der Name Späth. Ob man mit Grünen wie Rezzo Schlauch und Reinhard Bütikofer spricht, mit Sozialdemokraten wie Erhard Eppler, Horst Ehmke oder Rolf Böhme, von seinen Parteifreunden ganz zu schweigen: Jeder hat zwar seine Scherzchen über das "Lotharle" parat, der "mehr Schein als Sein verkörperte in einem Land, in dem man es traditionell umgekehrt lieber hat, mehr Sein als Schein". Aber keiner vergisst hinzuzufügen: Der frühere Ministerpräsident Späth stehe ganz einfach leibhaftig für die Große Koalition, die letztlich im Land immer regiert habe, egal, wer dran war.

Mehr noch: Dieser Tausendsassa, erinnert sich Rezzo Schlauch, konnte nicht nur mit den Sozialdemokraten, er ging mit dem damaligen starken Mann der IG Metall, Franz Steinkühler, eine "regelrechte Symbiose" ein. Wenn Späth als Kunstsammler nicht mehr wusste, wohin mit seinen vielen Bildern, dann wanderten sie als Leihgabe eben zum "Franz". Nebenbei: Steinkühler wurde später dann nachgesagt, er habe Späth davor bewahrt, im Neue-Heimat-Skandal zu versinken.

Früh keimte die schwarz-grüne Idee, ein typisches Landesprodukt

Der SPD Erhard Epplers entzog das den Boden. Sie mochte hineinragen in die Bundesrepublik wie keine andere, anstößig und anregend, ohne Orthodoxien, aber in Stuttgart stieß sie auf Watte und Wohlwollen. Die vielen Talente emigrierten nach Bonn. Selbst die notorisch widerspenstigen Grünen schnitten schon alte Zöpfe ab, als sie noch gar keine hatten. Sie assimilierten sich rasch. Mit der Eppler-SPD verstanden sie sich, aber mit den Christdemokraten fanden sie es auch nett. Früh keimte die schwarz-grüne Idee, ein typisches Landesprodukt. Der Liberalismus wiederum, im "Ländle" prominenter als irgendwo sonst, leuchtete zwar im "Freiburger Programm" noch einmal kurz auf, damals war er sozialliberal eingefärbt. Aber auch ihn schluckte bald diese Späth-CDU und der allgegenwärtige "Konsensgeist".

Zur alten Bundesrepublik gehört neben dem Konsensuellen auch ihr Korporatismus. Wo fände man den heute? Hermann Schwengel, Dekan und Sozialwissenschaftler an der Universität Freiburg, sagt, damit sei man so schlecht nicht gefahren, der Test allerdings, ob er überlebe und auch tauge für die neuen Verhältnisse, stehe erst noch bevor. Also: Können die gefeierten mittelständischen Familienunternehmen aus Waiblingen, Heilbronn oder Böblingen, in ihrer Branche oft Weltmarktführer, mit ihrer kooperativen, auch paternalistisch angehauchten "Kultur" in der globalisierten Ökonomie überleben? Immerhin, eine Friedrich-Merz-Welt, so Schwengel, sei bislang nicht daraus geworden. Und trotz Rogowskis Rhetorik – der Liberalismus zeige sich hier nicht in einer nackt neo- liberalen Gestalt.