Jazz is the teacher, funk is the preacher, sagt das geflügelte Wort. Vom Jazz lernen und das Wissen als Tanzmusik unters Volk bringen. Diesen ehrbaren Anspruch erfüllen nur wenige Crossover-Produktionen der letzten Jahre. Häufig wird Jazz dort nur als Sample-Fundus benutzt, als preiswerte Sound-Patina und als Life-Style-Accessoire. Umgekehrt hat die wertkonservative Vollbartfraktion unter den Jazzmusikern selten ein Ohr für die vermeintlich schlichten Songs, die auf der Tanzfläche wirklich einschlagen - und entsprechend wenig Bezug zur Gegenwart.

Matthias Vogt, Jahrgang 1970 und bartfrei, ist ein Wanderer zwischen beiden Welten. Unter dem Namen motorcitysoul lässt er bei seinen House-Tracks eine gepflegte Basspumpe laufen. Als Pianist und Arrangeur hat er eine Band gegründet, welche die Einbahnstraße zwischen Pop und Jazz listig umfährt.

Vogt geht den umgekehrten Weg - und übersetzt Dancefloor-Hits in Richtung Jazz. Point Of View (INFRAcom/Vertrieb: Soulfood) ist bereits das zweite Album von [re:jazz]. Der Erstling beschränkte sich auf Versionen von Songs, die zuvor ebenfalls bei der verdienstvollen Frankfurter Klangschmiede INFRAcom erschienen waren. Nun aber wagt er es richtig.

Wenn er sich ans Klavier setze, sagt Vogt, kürze er alles Elektronische an den Originalversionen weg. Von akustischen Geschmacksverstärkern und anderen Helferlein entkleidet, bleibt die nackte Musik. Und die klingt überaus sexy - nicht nur dort, wo man es ohnehin vermutete, etwa bei All I Need von Air, dem die Sängerin Lisa Bassenge zärtliche Wärme einhaucht. Auch Push Push, ein House-Klassiker von Rockers Hi-Fi, erwacht als schneller Swing zu neuem Leben. Inner City Life von Goldie, ein früher Meilenstein des Drum & Bass, steigt als Ballade aus der Asche, Deep Shit von Kruder & Dorfmeister artet zu einer fröhlichen Jazz-Rock-Orgie aus.

Auf Dauer wirkt dieser Purismus ansteckend. Der Trompeter Nils Petter Molvaer etwa spielt ein Stück der japanischen Acid-Jazz-Band U.F.O. absolut effektfrei. Wo sonst seismische Sub-Bässe wummern, schnurrt der Kontrabass, wo elektrische Percussion-Sounds klappern, raschelt der Besen über die Snare-Drum. Vogts Transformationen durchdringen die Vorlagen immer überraschend, sie schürfen an unvermuteten Stellen und legen neue Substanz frei. Ein Album, geeignet für die Dinner-Party, wenn man die abgedudelten Lounge-Compilations nicht mehr hören kann. Geeignet aber auch dazu, einer sonst weniger geneigten Hörerschaft den Zugang zum vermeintlich trivialen Vergnügen zu öffnen. Es geht nämlich auch umgekehrt: Funk is the teacher, jazz is the preacher.