DIE ZEIT: Die chinesische Wirtschaft wird dieses Jahr erneut um fast zehn Prozent wachsen. Gleichzeitig warnen westliche Ökonomen, das Wachstum könne schnell einbrechen. Droht tatsächlich eine so genannte harte Landung der Konjunktur?

Hu Biliang: Hinter uns liegen zwei Jahre, in denen die Investitionen emporschossen. Man muss deshalb in den nächsten zwei Jahren mit Überkapazitäten rechnen, die das Wachstum in einzelnen Branchen gravierend senken. Im Automobilsektor ist das bereits spürbar. Insgesamt aber ist das Wachstum in China heute breiter gefächert als noch vor wenigen Jahren. So steigen zum Beispiel die privaten und ausländischen Investitionen für Immobilien weiter an, obwohl die Regierung gerade für diese Branche drastische Einschnitte verordnet hat. Die harte Landung ist mithin unwahrscheinlich.

ZEIT: 25 Jahre Turbowachstum – wollen Sie sagen, das kann immer so weiter gehen?

Hu: Heute wie früher hängt alles davon ab, wie wir die konkreten Wachstumshindernisse bewältigen. Derzeit nimmt das regionale Gefälle zu, einige Provinzen werden schnell reicher, andere kommen nicht hinterher. Das führt zu stärkeren Spannungen zwischen der Zentralregierung und einzelnen Provinzen. Zugleich ist die wirtschaftliche Entwicklung auf dem Land, wo die Mehrheit der Chinesen lebt, im Vergleich zu den Städten immer noch sehr schwach. Ebenso hinkt die Finanzindustrie hinterher, unsere Banken sind nicht auf Höhe des Marktgeschehens, der Aktienmarkt ist unterentwickelt. Im Energiesektor drohen ernsthafte Engpässe.

ZEIT: In der Summe klingt das bedrohlich ...

Hu: ... da ist noch mehr. Mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation hat China zugesagt, die Dienstleistungsmärkte schrittweise zu deregulieren. Da droht zusätzliche Arbeitslosigkeit. Hinzu kommen politische Gefahren, etwa in der Taiwan-Frage. Es gibt also tatsächlich viele Probleme, von denen jedes einzelne das Wachstum gefährden kann. Das aber war in den vergangenen 25 Jahren nie anders. Unglaublich, aber wahr: Bisher haben wir es immer geschafft, die Probleme mehr oder weniger unter Kontrolle zu halten.

ZEIT: Weshalb der Westen China als Erfolgsgeschichte sieht und nun verlangt, dass die an den Dollar gebundene Landeswährung, der Yuan, aufgewertet wird. Eine gute Idee?