Mancher Sieger der Geschichte zeichnet sich dadurch aus, dass ihm nicht nur die Strahlkraft seines Erfolges, sondern auch ein Gericht Recht verleiht. Der ukrainische Oppositionsführer Wiktor Juschtschenko hat zumindest das letztere schon erreicht. Am Freitag erklärte das Oberste Gericht der Ukraine den zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl, in dem Juschtschenko nach offiziellem Ergebnis unterlag, als massenhaft gefälscht und damit ungültig. Es reizte die Grenzen seiner Rechtsprechungskompetenz aus, indem es eine Wiederholung der Stichwahl für den 26. Dezember ansetzte.

Das Urteil ist geschickt juristisch untermauert und deutet darauf hin, dass die Massenproteste der vergangenen zehn Tage auch den Richtern Mut machten. Dieser Etappensieg der Opposition bestätigt zumindest vorerst, dass Juschtschenko sich richtig entschieden haben könnte, nur einen Fuß auf die Barrikaden zu stellen. Während in seinem Stab ein heftiger Streit darüber tobte, ob bei der Revolution noch Regeln einzuhalten seien, strebte er vor allem die Legitimierung seiner künftigen Präsidentschaft an.

Juschtschenkos Taktik spiegelt das Paradox dieser vernunftgewissen Revolution wieder: In ihrem Überschwang hebt sie vom Asphalt der Kiewer Prachtstraße Kreschtschatik ab und behält doch Bodenhaftung. In erstaunlicher Pragmatik erklären viele Demonstranten selbst nach einer Tanzeinlage auf dem Unabhängigkeitsplatz, sie wüssten, dass mit Juschtschenko bei weitem nicht alles besser würde. Als er bei seinem Auftritt am Freitagabend den Beschluss des Gerichts verkündete, jubelten ihm die Menschen fast verhalten zu, ein bisschen müde, ein bisschen revolutionsroutiniert. Vielen war es vor allem bedeutsam, ins Objektiv der über die Menge schwenkenden Kamera zu geraten. Hernach feierten die Protestierer auf der holzfeuerverrauchten Vergnügungsmeile entlang des Zeltdorfes sich selbst.

Dazu haben sie allen Grund: Sogar die engen Mitarbeiter in Juschtschenkos Stab hatten noch vor zwei Wochen nicht an eine solch massenhafte Entschlossenheit der Oppositionsanhänger geglaubt. Das Durchhaltevermögen der Kerndemonstranten, die ihre Universitäten verlassen und ihre Kleinbetriebe "bis zum Sieg" geschlossen haben, gründet im tiefen Gefühl, an einer entscheidenden Wegmarke angelangt zu sein. Die Ablehnung des alten Systems eint sie. Juschtschenko haben sie für das mühselige Heldenamt der politischen Erneuerung der Ukraine auserwählt. "Die Menschen kämpfen nicht für Juschtschenko, sondern für ihre Zukunft", sagt die Schriftstellerin Oksana Sabuschko. "Wenn er gewinnt, haben sie ihn an den Haaren über die Ziellinie gezogen."

Doch bis dahin ist es noch weit: Zwar hat das Gerichtsurteil den Handlungsspielraum des amtierenden Präsidenten Leonid Kutschma erheblich eingeschränkt, aber er sucht nach weiteren taktischen Mitteln zur Rettung seiner Clanherrschaft. Er hat noch immer nicht begriffen, dass sich mit dem Erdbeben der orangefarbenen Revolution die Tektonik der ukrainischen Gesellschaft verändert hat. Am Donnerstag war Kutschma nach Moskau gereist, wo er neben Wladimir Putin auf den dünnbeinigen Potentatenstühlen der Staatslounge des Flughafens Wnukowo Platz nehmen durfte. Der Großbruderpräsident sprach ihm vor der Fernsehkamera in einem uninspiriert geschauspielerten Dialog Beistand zu, was viele Ukrainer weiter gegen ihn aufbringt und die Opposition auf die Straße treibt. Kutschma setzt immer noch auf grundsätzliche Neuwahlen, um einen neuen Kandidaten aufzubauen und dem Volk aufzupfropfen, und er könnte versucht sein, den Beschluss des Obersten Gerichts vor dem Verfassungsgericht anzufechten. Dabei verdüstert er ungerührt die letzen Reste seines fahlen Nachruhms.

Der Präsident verzögert den Umgestaltungsprozess der Wahlgesetze im Parlament und zielt darauf ab, für den "schlimmsten Fall" des Sieges Juschtschenkos eine Verfassungsänderung durchzusetzen, die dem neuen Präsidenten durch eine Machtverschiebung in Richtung Parlament und Ministerpräsidentenamt im voraus den Schneid abkauft. Dabei gelang es ihm am Samstag, erstmals einen Keil in die Gruppe der Oppositionsabgeordneten zu treiben. Für das Volk hatte er einen Tag nach dem Gerichtsbeschluss allerdings kein Wort übrig. Der Präsident eines Landes in schwerer Staatskrise hatte andere Aufgaben: Er ernannte den neuen ukrainischen Botschafter für Malta.